Wenn einer schön ist, gut kämpfen kann und jung stirbt, womöglich durch Verrat, dann wird er, falls nicht alles schiefgeht, zur Legende. An seinem Grab kreuzen sich die Wege der sichtbaren wie der mythischen Welt. Der Geist aller Pioniernationen wurzelt in solchen Gestalten, die halb Vorbild, halb Mahnung sind. Die Griechen entrückten ihre Gründerhelden, die Jünglinge Kastor und Polydeukes, den Medusentöter Perseus und den Löwenbezwinger Herakles, an den Sternenhimmel zugleich aber bewahrten sie ihnen auf Erden einen Kult.

So lebt auch Henry McCarthy alias William Bonney, genannt Billy the Kid, in beiden Sphären weiter. In den amerikanischen Schulbüchern steht er als Randfigur eines Kleinkriegs konkurrierender Fleischgroßhändler in New Mexico, des Lincoln County War von 1878, bei dem Billys Partei unterlag. In jener anderen Überlieferung jedoch, die nicht aus Tatsachen, sondern aus Bildern und Sehnsüchten ihre Wahrheit schöpft, bleibt er für immer die Ikone des jugendlichen Westernhelden, des Outlaw ohne Schuld, der von seinem zum Ordnungshüter gewendeten Freund Pat Garrett heimtückisch erschossen wird.

Die Volksepiker von damals, die Zeitungsreporter, haben Billys Legende erfunden, als hätten sie gespürt, daß mit ihm der Westen selbst zu Grabe ging. Danach gehörte er der Kulturindustrie. Schon einen Monat nach seinem Tod erschien das erste Billy-Groschenheft. Bis heute ist das Kind mit der Pistole in zahllosen Romanen, Fernsehserien und wenigstens fünfzig Kinofilmen aufgetreten, mal von Paul Newman, mal von Marlon Brando und sogar von Jean-Pierre Léaud gespielt. Solange der Wilde Westen über die Leinwand gewittert, muß Billy donnern helfen.

Der wahrscheinlich beste Film zum Thema ist Sam Peckinpahs Spätwestern "Pat Garrett jagt Billy the Kid" von 1973, mit Kris Kristoffersen als Billy und James Coburn als Pat. Aber nicht nur deshalb muß man beim Lesen in Michael Ondaatjes schmalem "Billy"-Band immer wieder an Peckinpah denken. Denn diese beiden, Ondaatjes Buch und Peckinpahs Film, sind sozusagen Zeitgenossen es herrscht ein atmosphärischer Austausch, eine Art Stimmungsgleichheit zwischen ihnen. "Die gesammelten Werke von Billy the Kid", erschienen 1970, waren nach zwei Gedichtbändchen ("The Dainty Monsters" "the man with seven toes") Ondaatjes erste größere Veröffentlichung, im Grunde sein Debüt. Der Zufall, daß es gerade jetzt, nach dem Welterfolg der Verfilmung des "Englischen Patienten", bei uns herauskommt, wirft ein merkwürdiges Licht auf dieses Buch, das so gar nichts landläufig Romantisches und Gefälliges hat.

Noch merkwürdiger freilich als das deutsche Erscheinungsjahr ist das Entstehungsdatum dieser "Gesammelten Werke". Man muß sich das vorstellen: Während Amerikas Studenten auf der Straße sind, während jeden Monat ein paar hundert GIs in Vietnam verbluten, während Robert Kennedy erschossen und Richard Nixon zum Präsidenten gewählt wird, während die Beatles "Let it be" aufnehmen und Jimi Hendrix in Woodstock singt, während Michel Foucault an der "Ordnung der Dinge" und Thomas Pynchon an "Gravity's Rainbow" schreibt - während all dies geschieht, brütet Micheal Ondaatje, 26, Dozent für Englisch an der University of Western Ontario, Toronto, über Billy the Kid. Er frißt sich durch die Archive, liest pulp fiction und Geschichtsbücher, schaut sich alte Filme an, blättert in Photobänden, sortiert, wählt aus, macht vielleicht einen Plan, ordnet Gedichte, kurze Prosastücke und aufgelesene Zitate zu Kapiteln, legt ein paar Photographien dazu, darunter eine, die ihn selbst als Acht- oder Neunjährigen im Cowboyanzug zeigt, in seiner Heimat Ceylon, heute Sri Lanka - und fertig ist ein Buch von 130 Seiten, halb Kompendium, halb Kaleidoskop, eine Sammlung g estochen scharfer Impressionen eines Westernhelden, den es so nie gab. Was sagt uns das alles über 1968, 1969, 1970, drei der aufregendsten Jahre unserer Epoche? Nicht viel.

Dafür sagt es um so mehr über Ondaatje. Vor acht Jahren erst, 1962, ist er nach Kanada gekommen, und noch ist keine Rede davon, daß er einmal einer der größten Erzähler seines Landes, ja des ganzen englischen Sprachraums werden wird. Aber schon jetzt arbeitet seine Phantasie an jener ganz eigenen Zeit- und Sittengeschichte des amerikanischen Kontintents und des amerikanischen Jahrhunderts, die er in den folgenden Büchern dann triumphal entfaltet. Mit "Billy the Kid" beginnt die zeitliche Reihe von Lebensläufen und Schauplätzen, die Ondaatje mit "Buddy Boldens Blues" (1976 deutsch 1995), "In der Haut eines Löwen" (1987) und "Der Englische Patient" (1992) fortsetzen wird: New Orleans um 1900 Toronto in den zwanziger und dreißiger Jahren Italien und Nordafrika im Zweiten Weltkrieg. Das Kind Billy, könnte man sagen, ist der Urahn aller Figuren, von denen Ondaatje später erzählt hat.

So also fängt es an: New Mexico, um 1880. Billy spricht sein erster Satz: "Dies sind die Getöteten." Danach die Totenliste in Versform, die Nacherzählung einer Schießerei in Fort Sumner schließlich wieder ein Gedicht: "In Boot Hill gibt es nur zwei Gräber, / in denen Frauen liegen, / und das sind die einzigen bekannt gewordenen / Selbstmorde auf diesem Friedhof." Dann wieder Kurzprosa, Verse, ein Photo. Das rauscht so dahin. Ein paar Seiten später wird vom Tod eines Charlie Bowdre berichtet, Billys Freund, der sich, "von Kugeln einen Meter weit zurückgeschleudert", vor Schmerz in die Hose macht und da, auf einmal, steht diese unglaubliche Zeile - "und die Augen wuchsen auf seinem ganzen Körper".