Was ist los mit den Grünen? Tanzen sie zurück in den Fundamentalismus?

Gefährden sie das "rotgrüne Projekt"? Seit der Parteivorstand den Entwurf für das Wahlprogramm 1998 vorgestellt hat, fallen die Grünen übereinander her: Einen "Absturz" prophezeit Joschka Fischer. Sein hessischer Landesverband warnt vor einem "Regierungsverhinderungsprogramm". Der Stuttgarter Fritz Kuhn sieht "linken Verbalradikalismus" am Werk.

Verwundert reibt man sich die Augen: Wann haben die Kritiker den letzten grünen Parteitag besucht? Der Programmentwurf, der unter anderem die langfristige Auflösung von Bundeswehr und Nato fordert, schwebt exakt auf der Höhe der innerparteilichen Meinungsbildung. Er enthält die gewohnte grüne Mischung aus Machbarem und Fernliegendem, aus Pfiffigkeit und Budenzauber, aus guten Ideen und gutem Willen. Warum also löst er solche Turbulenzen aus?

Weil er ein Bild geraderückt, das schief viel hübscher wirkte: Die Grünen - das waren drei Jahre lang Fischers fähige Fraktionäre in Bonn. Nun wird plötzlich deutlich, daß "Joschkas" Truppe nur die Vorhut war. Das Wahlprogramm bestimmt eben noch immer das Fußvolk, die Mehrheit der grünen Partei - und die wimmelt, wie die Finanzexpertin Christine Scheel sich ausdrückt, von "Traumtänzern, die selbstverliebt auf der Linie der achtziger Jahre verharren".

Natürlich weiß man das schon länger. Nur wahrhaben wollte es niemand. Seit Jahren läßt sich beobachten, wie schwer die grüne Basis am Wandel der Zeit trägt. Die Feindbilder, die einst Sitz und Halt gaben, haben an Kontur verloren: Die Nato beendet das Schlachten in Bosnien, die Bundeswehr errichtet Dämme gegen Hochwasserfluten, der Kanzler kämpft für den Regenwald, und die Industrie baut Erdgasautos.

Um in einer solchen Welt weiterhin mit dem moralischen Zeigefinger zwischen den anderen Parteien aufzufallen, mußte ein großer Teil der Grünen die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. Es ist diese Vergewisserung im Gestern, die sich im Entwurf zum Wahlprogramm wiederfindet.

Was der Partei fehlt, ist ein neues Grundsatzprogramm. Zu lange schon drückt sie sich um diese Debatte herum. Auch Fischer zog es vor, sein neues Denken in der Fraktion vorzuleben, statt es in der Partei durchzusetzen. Von Wahl- und Medienerfolgen verwöhnt, ließen sich die Grünen treiben. Jetzt, wo der Wahlkampf beginnt, rächt sich diese Selbstgefälligkeit.