Wie viele Russen trauert auch Gennadij K. manchmal den alten Zeiten nach.

Doch im Gegensatz zu Rentnern, Lehrern und Bergarbeitern, die sich zu Recht über ihre schlechte soziale Lage beklagen, ist der Moskauer Kleinunternehmer überzeugter Anhänger der Marktwirtschaft. Was da allerdings derzeit in der russischen Hauptstadt blüht, hat nach Gennadijs Meinung mit Marktwirtschaft wenig zu tun. "Selbst zu Sowjetzeiten war es besser. Da brauchten wir nur ein einziges Zertifikat, um unsere Werkstatt betreiben zu dürfen", erzählt Gennadij. "Heute müssen wir eine ganze Beamtenschaft miternähren."

Sein Problem mit den Stadtbürokraten, deren Chef und Bürgermeister Jurij Lushkow sich gerne für seine Mittelstandsförderung rühmt, hat Gennadij fein säuberlich in drei dicken Aktenordnern abgeheftet: 33 Lizenzen, Zertifikate und Genehmigungen. Die mußte der Werkstattleiter einholen, damit seine Mitarbeiter das machen dürfen, was sie schon seit Ende der sechziger Jahre machen: Autos reparieren. Mehr als 30 000 Mark, so rechnet Gennadij vor, habe er an Gebühren und Bestechungsgeldern für die 33 Bescheinigungen bezahlt. So muß sich der ausgebildete Kfz-Mechaniker jedes Jahr bestätigen lassen, daß er und seine Mitarbeiter imstande sind, ein Abgasmeßgerät zu bedienen. Doch es reicht nicht, daß Gennadij ein Abgasmeßgerät bedienen "kann", er muß es auch bedienen "dürfen". Für diese Lizenz wiederum haben sich die Bürokraten eine ganz besondere Auflage einfallen lassen. Wer ein Abgasmeßgerät benutzen will, muß einen Vertrag mit dem städtischen Abwasserunternehmen Moswodostok vorlegen. Pech für Gennadij, denn er hat keinen einzigen Kanaldeckel auf seinem Werkstattgelände - und somit auch keinen Vertrag mit Moswodostok. Drei Wochen dauerte es, bis die Kanalverwalter dem Mechaniker auf vergilbten Papier eine zehnzeilige Bescheinigung tippten. "Jedes einzelne Papier kostet viel Geld und Zeit", klagt Gennadij. "Das ist staatliche Schutzgelderpressung."

Doch der 44jährige läßt sich nicht mehr alles gefallen. Er schlägt auf seine Art zurück, und die ist für russische Maßstäbe immer noch sehr ungewöhnlich.

Der Kfz-Mechaniker studiert Gesetzestexte und Verordnungen Zeile für Zeile.

Das machen die Stadtbürokraten offensichtlich nicht immer, wie Gennadij herausgefunden hat. So verlangt die Transportinspektion in Moskau auf Grundlage einer Verordnung von Bürgermeister Lushkow, daß Autowerkstätten jedes Jahr ihre Lizenz zur "Reparatur und technischen Betreuung von motorisierten Transportmitteln" verlängern lassen. Kosten: 25 gesetzliche Mindestlöhne pro Arbeitsplatz, für Gennadijs Werkstatt bedeutet das mehr als 12 000 Mark. Doch Gennadij zahlt nicht, denn die Stadt, so kann der Kfz-Mechaniker belegen, verstößt gleich mehrmals gegen föderales Recht. Und siehe da: Im August dieses Jahres forderte die Staatliche Antimonopolkommission die Stadt auf, die Verordnung zurückzunehmen.

Inzwischen dämmert es Gennadij, daß es kei- ne gute Idee war, auf sein Recht zu pochen. Denn die Bürokraten sitzen am längeren Hebel. So hat der in Moskau fast allmächtige Lushkow im Herbst vergangenen Jahres die Grundstückspacht für das gesamte Stadtgebiet neu festgelegt. Entscheidend für die Höhe ist seither nicht nur die Lage, sondern auch, wer der Pächter ist. Invaliden und "Hel-den der Sowjetunion" zahlen 0,5 Prozent der festgesetzten Pacht, städtische Industrieunternehmen 60 Prozent. Und Autowerkstätten? 300 Prozent, genausoviel wie Spielkasinos! "Wenn wir den vollen Preis zahlen müssen, können wir dichtmachen", sagt Gennadij. Jetzt haben die Werkstattleiter in einem Brief den Bürgermeister gebeten, für Autowerkstätten die Mietpreise zu senken. Auch Gennadij hat nun einsehen müssen: eine Unterschrift von Bürgermeister Lushkow, und das Problem ist gelöst. Das nennt sich dann Mittelstandsförderung - à la Moskwa.