Es gibt schon so viele Bücher, die über Leben und Sterben deutscher Juden in Nazideutschland berichten. So erregen auch die beiden Erinnerungsbücher von Herbert und Lotte Strauss, die zur gleichen Zeit erschienen sind, anfangs kaum besondere Aufmerksamkeit. Doch dann beginnen Geschichten, die aufregend sind wie nur selten andere: etwa die ausführliche Beschreibung über das Studium an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, die der große Gelehrte Leo Baeck leitete, bis sie 1941 von der Gestapo geschlossen wurde. Oder über die Bagatellisierung des massenhaften Mordens unter den noch lebenden Juden während der Deportationen nach Auschwitz. Oder über die ganz normale Hilfsbereitschaft oft unbekannter Berliner, die sie versteckten, ihnen zu essen gaben oder gefälschte Ausweispapiere. Oder schließlich über die Fluchthelfer, die für sie ihr Leben riskierten und hier zum ersten Mal genannt und gerühmt werden.

Auch das geschah damals in Deutschland und ist in diesen beiden Büchern überliefert. Darum gehören sie zum Bestand der Geschichte jener Epoche des Genozids.

Herbert Strauss war später in New York Professor am City College, zuletzt Gründungsdirektor des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung. Seine Frau Lotte, die mit ihm den Häschern der Gestapo entkommen und vor ihm in die Schweiz fliehen konnte, notierte ihre Erinnerungen für ihre Tochter.

Es sind packende Geschichten, die beide aufgeschrieben haben. Sie stimmen auch nachdenklich: Wie konnten jüdische Funktionäre so lange verschweigen, was ihren Glaubensbrüdern drohte? Warum erkannten so viele der Verfolgten nicht die unübersehbaren Zeichen an der Wand? Und welche Kraft brachten jene auf - ob es die Gemüsehändlerin war oder der Fabrikarbeiter, der Mann, dessen Söhne Himmler dienten, oder die Witwe, deren Sohn hoher SS-Offizier war -, die diesen beiden jungen Juden halfen, am Leben zu bleiben, während der Vater von Herbert Strauss und die Eltern seiner späteren Frau abtransportiert und ermordet wurden? Das eine wie das andere, in diesen Büchern zur Sprache gebracht, bleibt rätselhaft und staunenswert zugleich. Es sind Dokumente eines Lebens am Abgrund, in Zeiten des Terrors und der Menschlichkeit. Es sind dann doch auch authentische Zeugnisse des Trostes.

An einer Stelle seines Überlebensberichtes zitiert Herbert Strauss den Talmud: "Wer ein Leben zerstört, zerstört eine Welt wer ein Leben rettet, bewahrt eine Welt." Beides ist hier bewiesen.

Herbert A. Strauss: Über dem Abgrund Eine jüdische Jugend in Deutschland 1918-1943 aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell Campus Verlag, Frankfurt a.M./New York 1997 309 S., 48,- DM

Lotte Strauss: Über den grünen Hügel - Erinnerungen an Deutschland Aus dem Amerikanischen von Irmtrud Wojak und Irmhild Wojak Metropol Verlag, Berlin 1997 211 S., 36,- DM