Im rauschenden Nachklang der Feste für den Großjubilar sangen die schreibenden Kollegen im Hessischen Rundfunk noch einmal sein Lied: Einmütig priesen sie ihn, den Befehdeten, Befeindeten, Verkannten, als den "deutschen National-Dichter" der Epoche. Selbst ein österreichischer Autor proklamierte ihn als solchen, freilich nur für die bundesdeutschen Nachbarn, versteht sich, allen Anschluß-Verdächten wehrend. Damit lud er zu den reizvollsten Spekulationen ein, wer denn nun donauabwärts zum Nationaldichter ausgerufen werden könnte: Thomas Bernhard etwa (der sich die Zumutung spottend und spuckend verbeten hätte) oder Elfriede Jelinek, Oberpriesterin des kultischen Selbsthasses unserer südöstlichen Gevattern, die sich der Ehre am Ende mit elegisch gesenkten Mundwinkeln beugte? Ach, es ist immer erhebend, wenn Dichter Dichter Dichter nennen, auch wenn sich die also Gerühmten zeit ihrer Tage vor allem in Prosa ergingen und nur selten Gelegenheitsverse aufs Papier brachten.

Aber die Steigerung zum National-Dichter? Brauchte es sie? Haben die Franzosen einen? Erkannten sie Sartre oder Camus den hehren Rang zu, von Zeitgenossen wie Robbe-Grillet oder d'Ormesson oder Saurraute oder Tournier nicht zu reden? Auch die Briten warten mit keinem auf und nicht die Amerikaner, selbst die Argentinier enthalten sich und derzeit gar die Polen, trotz ihrer argen Mühe mit der Nation, die sich ihnen zwei Jahrhunderte lang nur über die Dichtung, die Musik und die Kirche samt schwarzer Maria offenbarte.

Unseren Dichtern aber, den linken wie den rechten, den Literatur-Bewegern und den geistigen Menschen überhaupt hockt der National-Komplex in Wahrheit so ausdauernd im Gemüt, daß sie nicht lange mehr zögern werden, den Kaschuben-Deutschen nebst seinem rheinischen Dioskuren auf ein Doppeldenkmal zu wuchten wie einst die beiden in Weimar, zumal der Hauptbetroffene des aktuellen Umtriebs mit keinem Wutschrei, keinem Laut der Klage oder einem ironischen Huster protestierte: Selbstironie scheint kein Vorzug des Alters zu sein.

Doch wohin mit den beiden, wenn es soweit ist? Auf den Kyffhäuser? Den Brocken? Nach Rügen (vor die Caspar-David-Friedrich-Kulisse)? Ans Deutsche Eck? Vor den Reichstag? Vors künftige Kanzleramt? Es kommt nicht darauf an.

Sie passen überall, wo sich die Nation selber erkennt. Sie sind - endlich - ganz die unseren.