Jerusalem

Der Mann ist ein Phänomen. Mit zwei Anrufern gleichzeitig zu telephonieren und dabei vom Arabischen ins Hebräische zu wechseln - es gelingt ihm mühelos.

Mit diesem Talent kann Ahmed Tibi in kürzester Zeit die unterschiedlichsten Gespräche führen: mit seinem "Freund", dem israelischen Staatspräsidenten Ezer Weizman, etwa und mit dem Chef der palästinensischen Polizei dann ist der Berater der jüdischorthodoxen Schas-Partei am Apparat und jemand aus Jassir Arafats Büro im Gaza-Streifen. Ein drängender Anrufer aus Jordanien findet ebenfalls Gehör. Ahmed Tibi weiß jederzeit alles über den Stand der Beziehungen im Nahen Osten. Der prominente Palästinenser mit israelischem Paß zieht mit Vorliebe die Fäden hinter den Kulissen. In dieser Rolle fühlt er sich wohl.

Der gelernte Gynäkologe hat seine Praxis in Ostjerusalem. Sie wird von zwei Bodyguards bewacht. Auf dem schweren Schreibtisch stapeln sich die Tageszeitungen, hinter einer spanischen Wand verbergen sich medizinische Geräte. Der 37jährige Palästinenser hat seinen Arztkittel längst abgelegt, um rund um die Uhr für den PLO-Chef zu arbeiten. "Special Advisor for President Arafat", steht auf der Visitenkarte.

Wie krank ist Arafat? Diese Frage muß Ahmed Tibi zur Zeit dauernd beantworten. Professionell wiegelt er ab: nichts weiter als eine "systematische Kampagne". Daß Ahmed Tibi als Sprecher des PLO-Chefs auftritt, ist einigen Israelis wie auch Palästinensern nicht ganz geheuer. Der elegant gekleidete Mann mit Schnurrbart, der 1958 in Taibeh, einem palästinensischen Dorf in Israel, geboren wurde, zählt zu den rund 800 000 palästinensischen Bürgern Israels. Er hat an der Hebräischen Universität in Jerusalem studiert und dann am jüdischen Hadassah-Krankenhaus gearbeitet. Seine Frau, eine in Damaskus ausgebildete Zahnärztin, stammt aus Tulkarem in der West Bank. Was genau hat ihn zum Special Advisor gemacht? Darüber will er nur so viel sagen: Seine erste Reise nach Tunis zu Jassir Arafat habe er 1984 gemacht, als dies einem israelischen Staatsbürger noch strikt untersagt war. Die palästinensische Journalistin Raymonda Tawil habe ihn begleitet - ihre Tochter hat später den PLO-Chef geheiratet. Dies war der Beginn einer engen Verbindung zur PLO-Spitze - bis Tibi für seine Patientinnen gar keine Zeit mehr hatte.

Der Grenzgänger muß heikle Balanceakte vollbringen. Es habe zwei Jahre gedauert, erzählt er, bis er das Mißtrauen auf der palästinensischen Seite "abgeschüttelt" hatte. Heute nennt man ihn im Gaza-Streifen ehrfurchtsvoll "Doktor Tibi" und bewundert ihn dafür, daß er in den israelischen Medien so offen Kritik an der Regierung Netanjahu formuliert. Auf israelischer Seite wird er geliebt und zugleich gehaßt. Die Linke sieht in ihm den guten und gebildeten Araber, der sich gerne in Tel Aviver Restaurants zeigt und in Talk-Shows auf hebräisch brilliert. Die Rechte sieht in dem israelischen Staatsbürger Ahmed Tibi einen Verräter.

Er betont, daß er nicht den Vermittler spielen wolle, sondern für den PLO-Chef arbeite - er sei dessen Ohr in Israel. "So wie Benjamin Netanjahu seine Geheimdienste losschickt, um die Stimmung bei den Palästinensern zu erfassen", erklärt Ben Caspit von der Tageszeitung Maariv, der Tibi gut kennt, "so verläßt sich Jassir Arafat eben auf ihn, um zu wissen, was bei uns Nachbarn los ist." Manchmal übernimmt Ahmed Tibi auch die Rolle des Regisseurs. Wenn der PLO-Chef plötzlich Zeit hat, der hebräischen Presse Interviews zu geben, steckt sein Sonderberater dahinter. Und wenn Arafat an jüdischen Feiertagen pünktlich Glückwünsche an israelische Regierungsvertreter übermittelt, dann hat ihm das Tibi vorher zugeflüstert.