Wenn sich Scharen von Männern in Kommunionskleidung in einer fensterlosen Halle versammeln, ab und zu ihre Arme himmelwärts recken und geheimnisvolle Beschwörungsformeln in den Raum rufen, dann nennt man das Börse. Ihre Zusammenkunft hat viel mit sakralen Zeremonien gemein. Da ist es nicht verwunderlich, daß dabei auch Religionen eine große Rolle spielen. Fast jeder Börsianer bekennt sich zu einer der drei großen Religionsgemeinschaften, die heute die Kapitalmärkte beherrschen.

Da sind zunächst die Fundamentalisten. Sie sind Anhänger der reinen Lehre und lassen sich weder durch Tatsachen noch durch finanzielle Verluste vom rechten Weg abbringen. Sie glauben fest daran, daß Börsenkurse die wirtschaftliche Entwicklung der Unternehmen widerspiegeln: eben daß Aktien einen um so höheren Gewinn abwerfen, je stärker die Unternehmenserträge steigen. So sollte es auch sein - jedenfalls nach der Theorie des Kapitalismus. Die Fundamentalisten studieren deshalb Bilanzen und Geschäftsberichte, Branchenanalysen, Konjunkturdaten sowie andere Daten und erhoffen sich so Aufschluß über die künftige Tendenz der Kurse.

Diese Mühe sei völlig umsonst, sagen die Anhänger der zweiten Glaubensrichtung, der Charttechnik. Die Charttechniker gelten als die Esoteriker der Börse. Sie zeichnen den Verlauf von Aktienkursen nach und versuchen aus den Kurven die Zukunft zu lesen. Ihre Grundüberzeugung: bestimmte Formationen wiederholen sich stets.

Die dritte Religion schließlich nennt sich Markttechnik. Sie betrachtet die Börse als einen eigenständigen Markt, der kaum noch etwas mit den Unternehmen zu tun hat. Ihre Anhänger achten weder auf Bilanzen noch auf Charts. Sie analysieren allein die Angebots- und Nachfragesituation an der Börse: Wächst das Interesse an Aktien? Hält die Nachfrage ausländischer Anleger an? Ist mit neuen Liquiditätsschüben zu rechnen - etwa durch Pensionsfonds? Oder gewinnen konkurrierende Anlagen an Bedeutung - etwa durch steigende Zinsen?

Bei Licht betrachtet, ist die Markttechnik reine Ketzerei. Denn genaugenommen stellt sie den ganzen Sinn der Börse in Frage. Wenn das Geschehen an der Börse sich wirklich von der realen Wirtschaft abgekoppelt hat, wenn die Kurse nur deshalb steigen, weil die Anleger sie selbst hochjubeln, dann ist etwas oberfaul. Daß die Markttechnik unter den Börsenreligionen als die erfolgreichste gilt, ist so gesehen eher ein schlechtes Zeichen.