So ist das mit Symbolen. Im kalten Licht der Tatsachen betrachtet, verlieren sie schnell ihre Ausstrahlung. Die Bohrinsel Brent Spar wurde zum stahlgewordenen Sinnbild für die Arroganz der Macht und des Geldes, sprich Shell, und für Mut und Selbstaufopferung, sprich Greenpeace. Für Finsternis (in der Tiefe des Atlantiks) und Licht, für Naturzerstörung auf der einen und Aufbegehren gegen den Frevel auf der anderen Seite.

Die Lichthelden setzten sich gegen alle Regeln tragischer Dramaturgie durch.

Hätte Shell seinen Part wie vorgesehen gespielt und die angeblich mit fünftausend Tonnen Öl und hochgiftigen Chemikalien befrachtete Stahltonne im Meer versenkt, hätten wir, das Publikum, weiterhin unseren vorgefaßten Gewißheiten über die Herrschaft des Bösen frönen können. Aber Shell lenkte ein. Der Sieg des Lichts verkehrte sich zur Farce. Greenpeace, stellte sich heraus, hatte genau das getan, was sie dem Multi vorwarf: aus Eigeninteresse der Wahrheit den Kragen umgedreht.

Brent Spar, das ist mittlerweile hinlänglich bekannt, ist keine Giftinsel, sondern schlicht ein Ungetüm aus Stahl. Seit zwei Jahren leckt sich der verleumdete Ölmulti nun genüßlich die Tatzen. Jetzt scheint sich obendrein die Tiefseeversenkung, die damals das deutsche Volk samt Kirchentag und Kanzler auf die Barrikaden trieb, als vernünftigste Lösung zur Beseitigung des Ungetüms herauszustellen. Shell veranstaltete eine Ausschreibung für Alternativen, die wie eine technische Mammutversion des Klagenfurter Literaturwettbewerbs anmutet. Jeder Geistesblitz war zulässig. Über hundert Vorschläge wurden auf dreißig, dann auf elf und schließlich auf sechs Optionen eingedampft. Shell zahlte je eine Viertel Million Pfund für detaillierte Machbarkeitsstudien der in die engere Wahl gezogenen Optionen.

Die Firma läßt sich den Wettbewerb ein Vielfaches der ursprünglich angesetzten Versenkung kosten. In London und Kopenhagen, in Amsterdam und Hamburg wurden Seminare abgehalten. Das Environment Council, eine regierungsunabhängige Umweltinstitution, führt Regie.

Zwei Optionen zur Wiedergewinnung des Altmetalls, drei Optionen zur Wiederverwendung von Tonnensegmenten als Küstenschutzanlage und zur Erweiterung von Hafenbecken sowie ein Vorschlag mit Recycling- und Wiederverwendungselementen kamen in die Endauswahl. Und die Versenkung im Atlantik, die auch von der Labour-Regierung akzeptierte "Richtlatte", an der sich jede Alternative messen lassen muß. Die norwegische Det Norske Veritas (DNV) unterzog alle Angebote einer eingehenden Prüfung.

Ein Zertifikat der DNV gilt weltweit als das höchste technische Gütesiegel.