Wolf Schneider, Verfasser von "Deutsch für Kenner" und langjähriger Leiter der Gruner+Jahr-Journalistenschule, übt Sprachkritik an der "ZEIT" der Vorwoche (sein Beispiel diesmal: Nr. 43, S. 56)

Stellen wir uns einen Simultandolmetscher vor. Der deutsche Redner beginnt: Nach dem Zeremoniell soll der Improvisationskünstler (was soll er? In fast allen Sprachen muß nun des Verbums zweite Hälfte folgen), der sich von keinem "Dichter" (weder Shakespeare, Molière noch Brecht), geschweige denn von politischen Autoritäten hat zügeln lassen (für siebzig Theaterstücke tapfere vierzig Prozesse Auftrittsverbot im italienischen Fernsehen!), vor dem schwedischen König (nach 38 Wörtern mit zwei Klammern, einem Ausrufungszeichen und einem Semikolon folgt sie, die zweite Hälfte) einen "Diener" machen. Nun kann der Dolmetscher beginnen. Wie viele der 38 Wörter vermag er aus dem Gedächtnis nachzutragen? Zwölf etwa, nach einer verbreiteten Selbsteinschätzung. Die anderen 26 kommen nie an, und ihm steht der Schweiß auf der Stirn. Leser schwitzen nicht, aber sie sind auch nicht trainiert, zwölf Wörter zu speichern eher die Hälfte. 32 dieser 38 kostbaren Vokabeln also baumeln im Nirgendwo - außer bei jenen sieben Getreuen, die sich verzückt an eine nochmalige Lektüre machen. Schade!