Demokratie beruht auf der Freiheit, sich politisch zu organisieren. Sie braucht Meinungsfreiheit, regelmäßige Wahlen und die Trennung von Staat und Zivilgesellschaft. Institutionelle Kriterien allein aber sagen noch nichts darüber aus, wie unsere Demokratien wirklich funktionieren. Denn politische Freiheit kann von jenen monopolisiert werden, denen überlegene Macht und Ressourcen zur Verfügung stehen. Volksvertretungen können den Bürgerwillen verbiegen. In der Zivilgesellschaft können sich größere und kleinere Tyranneien einnisten.

Die Demokratie braucht selbstbestimmte und gebildete Bürger, die in der Lage sind, sich ein Urteil über die res publica, die öffentlichen Belange, zu bilden und den herrschenden Eliten zu widersprechen. Sie bedarf öffentlicher Foren, in denen inhaltliche Themen diskutiert werden können. Doch in erster Linie braucht die Demokratie eine Öffentlichkeit - nicht eine fragmentierte Masse gesellschaftlicher Atome.

Die derzeitige Debatte in den westlichen Demokratien schweigt sich über eine Frage aus: Sind unsere Gesellschaften vollendete Demokratien? Unaufhörlich hört man von der Distanz zwischen Politik und Öffentlichkeit. Genau diese Distanz könnte ein starker Anhaltspunkt dafür sein, daß wahre Öffentlichkeit nicht existiert. Andererseits wird die Debatte fortgeführt, als wären unsere Bürgerschaften tatsächlich im Besitz des Vermächtnisses der demokratischen Revolutionen, die 1641 in England ihren Anfang nahmen.

Ebenso bemerkenswert ist, mit welch routinierter Strenge die Debatte über die Wirtschaft von jeder Diskussion über die Demokratie getrennt ist. Die Einkommensverteilung, die Zukunft des Sozialstaates, die Auswirkungen des neuen Weltmarktes, Probleme der Produktivität, die Frage der Beschäftigung und die neuen Arbeitsformen - all dies wird betrachtet, als handele es sich um Naturgesetze; als müsse die Politik sich der Wirtschaft anpassen, nicht die Wirtschaft der Politik. Wenn diese Fragen mit der demokratischen Praxis überhaupt in Verbindung gebracht werden, dann zumeist unter den Vorzeichen von "Stabilität" - als bedeute jede Art von Wandel immer etwas Schlechtes.

Zum Verständnis der zeitgenössischen Debatte über Wirtschaft und Gesellschaft sind literaturkritische Methoden besser geeignet als sozialwissenschaftliche. Im Mittelpunkt steht eine Metapher: die Idee der "Moderne". Eine derartige Wichtigkeit hat die Gegenwart nicht mehr gehabt, seit der britische Dichter Alexander Pope im 18. Jahrhundert proklamierte: "Was immer auch ist, ist recht" (und das am Vorabend der gesellschaftlichen Erdbeben der Französischen und der industriellen Revolution). Pope hatte dabei, sein unvergeßliches Verdienst, einen spöttischen Ton angeschlagen. Den selbsternannten Propheten des Neuen ist hingegen entgangen, daß es verschiedene Formen der "Moderne" gibt, darunter einige außerordentlich bösartige; daß der historische Prozeß, in den wir eingebunden sind, krasse Widersprüche und unterschiedliche Ebenen aufweist und jedenfalls kaum einheitlich anzusehen ist. Wer das nicht erkennt, offenbart ein vulgäres Verständnis von historischem Fortschritt.

Die beharrliche Behauptung, die Wirtschaft habe ihre eigenen Gesetze, mit denen herumzuspielen eine Mischung aus Blasphemie und sektiererischer Hybris sei, steht nicht allein in der Landschaft. Diese Vorstellung ist normalerweise verknüpft mit der zwanghaften Wiederholung einer anderen offenkundigen Unwahrheit: der Staat sei nicht dazu in der Lage, Wohlstand zu schaffen. Sie ist obendrein mit einer Vorstellung von Gesellschaft als einer Ansammlung isolierter Individuen verbunden.

Das goldene Zeitalter des Wohlfahrtsstaates - und damit des Gesellschaftsvertrages der Nachkriegszeit - sei, so versichert man uns, für immer vorbei. Die Franzosen nennen die Jahre zwischen 1950 und 1980 les trente glorieuses, die "dreißig glorreichen". Waren diese Jahre wirklich so glorreich? Der Lebensstandard stieg, angemessene soziale Minimalleistungen wurden eingeführt (ziemlich weitreichend sogar in den Vereinigten Staaten). Der Klassenkampf wurde bis auf weiteres durch Zusammenarbeit ersetzt. Die Gewerkschaften sorgten in Verhandlungen für höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen. Regierungen setzten sich aus Sozialisten und Christlich-Sozialen zusammen (und aus sozial-nationalen Volksparteien wie den französischen Gaullisten, den britischen Tories vor Thatcher und beiden amerikanischen Parteien).

Währenddessen bedeuteten die Mitbestimmung der Arbeitnehmer in Deutschland und deren französisches Gegenstück, die Arbeiterräte, die zu Beginn der Regierung François Mitterrands geschaffen wurden, kaum eine intensive Mitsprache der Arbeiter an der Führung der Privatwirtschaft. Das europäische Kapital lernte, mit diesen Institutionen zu leben: Sie waren nicht bedrohlich. Der Wohlstand und die Sicherheit, die durch die amerikanischen und europäischen Gesellschaftsverträge entstanden, führten zu einem paradoxen Ergebnis: Die Demokratie selbst wurde bürokratisiert. Persönliche Karriere und individuelle Lebenspläne ersetzten gemeinschaftliche Anstrengungen genau das, wogegen die 68er-Generation protestiert hatte.

Verglichen mit den Jahren der wirtschaftlichen Depression und des Faschismus, waren die Jahre 1950 bis 1980 gewiß großartige Zeiten. Doch gemessen an den Standards der Propheten der Demokratie - Jefferson, Mill, Rousseau und Dewey -, blieben sie weit zurück. Die verbreitete Sorge um die Stabilität der westlichen Nationen ist eine Folge der stillschweigenden Erkenntnis, daß unsere Gesellschaften als plebiszitäre Konsum-Demokratien funktioniert haben. Angesichts des zurückgehenden Konsums und der Arbeitslosigkeit in Europa, wirtschaftlicher Unsicherheit und unzureichender Sozialleistungen in den Vereinigten Staaten fällt heute das Verdikt des Volkes entschieden negativ aus. Den Bürgern wurde gesagt, daß sie in wirtschaftlichen Angelegenheiten das Urteil ihrer intellektuellen Eliten akzeptieren sollen, doch sie werden zunehmend skeptischer. Die Formen der Skepsis reichen von Stimmen für linke Parteien in Frankreich über Rückzug ins Private in Amerika bis zur offenen Volkswut überall.

Die Skepsis ist völlig gerechtfertigt und bietet eine kleine Hoffnung. Die Verengung unserer Gesellschaften zu Arenen von panem et circenses ist noch nicht abgeschlossen, insbesondere weil es nicht genug Brot gibt und die Spiele nicht immer unterhaltsam sind. Dennoch sind viele Bürger nicht in der Lage, die Verbindung zwischen ihrer persönlichen Lage und größeren gesellschaftlichen Entwicklungen wirklich zu begreifen. Sie sind die neuen Armen, die intellektuell Benachteiligten. Der Bedarf an Solidarität und die Forderungen nach Verantwortlichkeit bewegen die besser Ausgebildeten nicht dazu, auf die Umverteilung des intellektuellen Kapitals zu drängen vielleicht denken sie ja, daß sie wenig umzuverteilen haben. Das gilt sicher für viele Wirtschaftswissenschaftler, die eine sterile Verbindung von technokratischer Machtausübung mit politischer Vulgärphilosophie betreiben.

Voraussetzung für eine Wiederbelebung der westlichen Demokratien ist eine ernsthafte Debatte über die Wirtschaft. Vor einigen Jahren erklärte Hans Tietmeyer in Washington, die Politik der Bundesbank sei so populär, daß sie sicher von den deutschen Wählern ratifiziert würde. Also gut: Warum macht man nicht als erstes das Amt des Präsidenten der Bundesbank wählbar, für das die Bewerber auf der Basis ihrer Wirtschaftspolitik kandidieren müßten? Die Bundesbank - und ihr natürliches Kind: die Europäische Zentralbank - ist bisher fürwahr unabhängig: von öffentlicher Kontrolle, wenn auch nicht von der Ideologie der Finanzmärkte.

Die Agenda für eine wirtschaftspolitische Debatte würde selbstverständlich über den obsessiven Monetarismus der Banker hinausgehen. Sie würde die nationalen Konten als Angelegenheiten betrachten, die die Nation angehen. An die Stelle systematisch inhaltsleerer Forderungen nach Veränderungen und allgemeiner Klagen über Steuern würde eine präzise Aufstellung der wirtschaftlichen und sozialen Lage des Landes treten. Politiker benutzen Statistiken natürlich selektiv. Doch es ist immer noch einfacher zu sagen, "Leistung muß sich wieder lohnen", als öffentlich dafür einzutreten, daß ein steigender Anteil der Gesamteinkommen in den meisten westlichen Gesellschaften auf das Kapital entfällt. Gäbe es in den westlichen Demokratien eine ernsthafte, politisch entwickelte öffentliche Meinung, dann hätten die europäischen Regierungen Jacques Delors' Weißbuch zur Beschäftigungspolitik (oder Jacques Santers Version derselben Vorschläge) nicht ignorieren können, es wäre auch weniger wahrscheinlich, daß amerikanische Parlamentarier ihre Stimmen an das Kapital verkaufen.

Wie man an den Berichten des Council of Economic Advisers des amerikanischen Präsidenten, des Budget Office des US-Kongresses, des "Rates der Weisen" in Deutschland und des französischen Coeur des Comptes sehen kann, haben Regierungen die Mittel dazu, auch dem Laien das, was Wirtschaftswissenschaftler für beinahe theologisches Geheimwissen halten, relativ verständlich zu machen. Häufig wirken strittige Vorstellungen von Wirtschaftspolitik, von Macht und Staat, öffentlichem und privatem Sektor, Gerechtigkeit und Effizienz auf diese Berichte animierend. Würde man diesen Berichten die eminente politische Bedeutung zumessen, die sie verdienen, wäre dies ein Schritt zur Wiederherstellung einer substantiellen öffentlichen Debatte, wie die Demokratie sie dringend benötigt.

Sicherlich kann eine öffentliche Debatte kaum banaler geführt werden als diejenige, die wir gerade erleben. Der vertraute und von vielen Ökonomen beschworene Gegensatz von Markt und Staat löst sich bei näherer Untersuchung auf. Es gibt, jenseits des Dogmas, eine beliebige Anzahl von Zwischen- und Mischformen: öffentliche Unternehmen im Besitz von Ländern und Kommunen, Firmen im Eigentum der eigenen Angestellten, Unternehmen im gemeinsamen Besitz (zu unterschiedlichen Anteilen) öffentlicher Einrichtungen und der Privatwirtschaft - all dies ist sehr gut möglich. Auch die Vorstellung, Gerechtigkeit und Effizienz seien nicht miteinander vereinbar, löst sich bei genauerem Hinschauen auf. Bis zu dem Zeitpunkt, als eine schrille Fraktion innerhalb des deutschen Kapitals den Gesellschaftsvertrag brach, trug er seinen Teil zum sozialen Frieden und zu einer höheren Produktivität der Arbeitskräfte bei. In den Jahrzehnten von 1950 bis 1980 waren die deutschen Arbeiter, damals von ihren größten materiellen Sorgen befreit und mit ihren Unternehmen durch langfristige Beschäftigungsverhältnisse verbunden, selbstbewußte und wertvolle Partner in der industriellen Produktion. Seither haben sie sich - mit den Verhältnissen - verändert. Denn die Arbeitnehmer als unzuverlässig und als Drückeberger darzustellen und sie für ihre Faulheit zu bestrafen scheint den Ideologen bei den Arbeitgebern heute der Königsweg zum Aufschwung zu sein. Doch diese Gruppierung - und ihre geistigen Verwandten in anderen industriellen Demokratien - schuldet uns eine Erklärung: Wenn unsere Exporte für die internationalen Märkte zu teuer sind, warum macht es dann Sinn, die Binnennachfrage dadurch zu senken, daß die Löhne reduziert und Jobs wegrationalisiert werden?

Das Wesen der Arbeit hat sich tatsächlich tiefgreifend verändert. Angesichts der Geschwindigkeit des technologischen Wandels bedarf es erneuerbarer Fähigkeiten und einer breiteren Ausbildung. Ein umfassenderer Blick auf die Arbeitsmarktpolitik muß soziale Investitionen, Bildungsprogramme und Übergangszahlungen umfassen, aber auch staatliche Subventionen.

Wenn der technische Fortschritt die vorhandene Zahl an Arbeitsplätzen verringert, dann ist das ein Argument für systematisches Job-sharing. Es ist auch ein Argument für eine Verbesserung und Neubewertung der Beschäftigungskultur, des Umweltschutzes, des Gesundheitswesens und des neuen sozialen Dienstleistungssektors allgemein. Vor allem ist es ein Anlaß, stereotype Vorstellungen von Arbeit zu überdenken.

Uns wird gesagt, die kollektive Last von Altersversorgung und Gesundheitsfürsorge sei zu schwer. Der Selbstvorsorge komme mehr Bedeutung zu. Wenn die Mitglieder der Gesellschaft verpflichtet sind, in den privaten Sektor zu investieren, dann haben sie jedes Interesse an Investitionsentscheidungen, die ihrem allgemeinen Interesse dienen. Jene Milliarden, die in den privaten Sektor fließen werden, könnten soziale Investmentfonds schaffen, mit denen man die Unzulänglichkeiten der kulturellen und sozialen Infrastruktur in unseren Gesellschaften verringern könnte, Unzulänglichkeiten, die nicht automatisch mit dem Anwachsen der Gewinne im privaten Sektor abnehmen.

Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, daß kapitalistische Eliten von Natur aus experimentierfreudig, innovativ oder sozial verantwortungsvoll sind. Tatsächlich ist ein Großteil der Privatwirtschaft bürokratisch und überdimensioniert, soweit sie nicht korrupt und von Nepotismus geplagt ist. Sollen wir wirklich glauben, daß die großen deutschen Banken der Gipfel der menschlichen Entwicklung sind? Es gibt viel Spielraum für öffentliche Firmen mit einer öffentlichen Aufgabe.

Der Weg zu einer Erneuerung der Demokratie und zur Entwicklung einer wirklich unabhängigen Gesellschaft könnte in der Stärkung des demokratischen Staates liegen, eines Staates, in dem Beamte sich als Staatsdiener empfinden, nicht als Verbündete von Managern und Anteilseignern großer Firmen. Die zwanghafte Staatskritik der Marktideologen spiegelt die Furcht wider, daß der Staat das öffentliche Interesse zu effizient vertreten könnte. Das freilich würde eine aktive, selbstbewußte Öffentlichkeit voraussetzen, die den Staat kontrolliert.

Damit kommen wir zu unserem Ausgangspunkt zurück. Auf dem Weg zur Entwicklung einer authentischen Bürgerschaft, einer funktionierenden Öffentlichkeit, liegen viele Hindernisse. Eine der Ursachen für das steigende Demokratiedefizit ist, daß die grundlegenden Strukturen unserer wirtschaftlichen Institutionen von der Debatte ausgeschlossen sind. Über die Verteilung des Sozialproduktes zu debattieren ist nicht das gleiche, wie die soziale Organisation des Staates kritisch zu untersuchen. Papst Johannes Paul II. hat in seinen Enzykliken "In Re Solicitudinis" und "Centissimus Annus" Kritik am Kapitalismus geäußert, die von den christlich-sozialen Parteien lieber ignoriert wird. Als ein wahrer Konservativer hat der Philosoph aus Krakau ein Gefühl für das grundlegende menschliche Bedürfnis nach Würde, geistiger Gleichheit und Mitbeteiligung. Das derzeitige Modell des Kapitalismus ist eher eine Bedrohung als eine Garantie dieser Werte: um so mehr ein Grund, es zu verändern.

Die Gefahr der Destabilisierung ist nicht eine Folge des Wandels, sondern folgt aus der mangelnden Bereitschaft der Regierungen, ihren Völkern eine Partnerschaft vorzuschlagen, um diesen Wandel zu meistern. Die sehr kompetente Regierung des italienischen Ministerpräsidenten Romano Prodi enthält die wichtigsten Elemente der katholischen und sozialistischen Politik Italiens. Dennoch hat sie sich darauf konzentriert, die Haushaltsstandards der Europäischen Union zu erfüllen. Der Streit um das Budget hätte die Regierung beinahe ihren Kopf gekostet. Ihr Plan, die notwendige Reform des italienischen Wohlfahrtsstaates durchzuführen, war nicht von anderen wirtschaftlichen und sozialen Programmen begleitet. Die Arbeitslosen, die Empfänger von Niedriglöhnen und die Rentner haben die Regierung dennoch gegen ihre Kritiker auf der Linken unterstützt. In einer schweren Krise aber ist auf ihre Unterstützung vielleicht kein Verlaß.

Wenn ganze Völker gesagt bekommen, entscheidende Aspekte ihres Lebens - Lohn und Arbeit - könnten nicht von ihnen kontrolliert oder gar diskutiert werden, müssen daraus vielfältige Pathologien erwachsen: Milizen in den Vereinigten Staaten, die Nationale Front in Frankreich, die Bewegung politischer Skinheads in Österreich und Deutschland, autoritärer Separatismus in Italien - das alles sind fleischgewordene Alpträume. Sie suggerieren die Vorstellung, daß der derzeitige Zustand unserer Demokratien einer der kulturellen und psychologischen Unterentwicklung ist.

Neue Formen der sozialen Kontrolle des Kapitals sind für die Einlösung der Versprechen der Demokratie unverzichtbar. Zynismus hat Grenzen, zumindest sollte er sie haben: Es ist schäbig, "Deregulierung" als ein libertäres Projekt darzustellen. Das Motto "Alle Macht den Besitzenden" ist kein akzeptabler Ersatz für "Alle Macht den Räten".

Unsere Gesellschaften sind reich und können es sich leisten, eine Vertiefung der Demokratie zu versuchen. Was wir uns nicht leisten können, ist die Vorstellung, daß die derzeitigen Beschränkungen des Politischen bestehenbleiben.

Aus dem Englischen von Pierre Van Hoeylandt