Erst mal gucken wir alle "Tagesschau". Um drei nach acht gingen die Türen auf zu Christoph Schlingensiefs Bescherung, und nun herrscht Unruhe im Deutschen Schauspielhaus. Diverse Menschen suchen noch immer ihre Plätze (dabei ist schon das Wetter dran!), stehen ratlos am Rand zwischen den vielen jungen Männern, die mit Kameras und Mikrophonen verfolgen, was nicht geschieht. Noch immer kein Theater jedenfalls, das Publikum guckt "Tagesschau", der Ton ist leicht übersteuert, der überaus seriöse Wilhelm Wieben im weißen Hemd schickt seinen Kapitänsblick ins Parkett und zischt ein wenig. Auf der Bühne sitzt auf einem roten Ledersesselchen unter einem grünen Lampenschirm ein umfangreicher kleiner Mann in Windjacke und grauer Hose und schaut aus einer dicken Brille bedächtig und ein wenig stumpf ins Publikum.

Wer Schlingensief kennt, der kennt auch diesen Mann: Es ist der arbeitslose Schauspieler Werner Brecht, dem Regisseur Schlingensief wieder Arbeit verschafft hat, indem er ihn als eine Art lebender Requisite in seinen Inszenierungen jeweils in der Mitte, vorn oder an der Seite der Bühne sitzen läßt. Empfindsame Menschen werden beim Anblick Werner Brechts auf die Frage gestoßen, ob die ans Pflanzliche grenzende Leidenschaftslosigkeit dieser Figur die Situation eines geistig Benachteiligten darstellen und insofern Anklage sein soll. Womöglich entspricht das der Absicht Christoph Schlingensiefs, den das Programmheft des Deutschen Theaters "womöglich einen der letzten großen Moralisten" nennt. Womöglich entspricht das auch der Absicht Werner Brechts. Solange er nicht spricht, können wir das nicht wissen. Er wird auch heute nicht sprechen.

Statt dessen spricht Schlingensief. Er kommt, als Lichtgestalt gänzlich in Weiß gekleidet, dynamisch auf die Bühne und beschwört das Ende des Jahrhunderts, ja Jahrtausends und daß nicht mehr viel Zeit ist. Um ihn herum sind Bildschirme verteilt, ein Couchtisch, eine Menge Sitzgelegenheiten und vielerlei Personen, die ihrer Bestimmung harren und einstweilen sitzen, sprechen, laufen, rauchen, warten. Derweil hält Rita Süssmuth eine Ansprache, die wohl der Deutschen Aids-Hilfe gilt, und wirbt von den Monitoren aus um Mitgefühl, Verständnis und sicher auch Spenden. Da ihre Rede untergeht im sonstigen Geschehen (ein zweiter weiß Gekleideter deklamiert Lyrik in ein Mikrophon, schwere Musik rauscht auf und ab), muß das jedoch Vermutung bleiben.

Ganz sicher ist: Es steht nicht gut um Deutschland. Sehr viele Menschen nehmen Drogen, ganz viele haben keine Arbeit, Unzähligen fehlt es an Lebensmut und Hoffnung. Unmittelbar am Deutschen Schauspielhaus, wo die Hamburger Bourgoisie ihre Aktiengewinne bedenkenlos in Kunstgenuß umsetzt, steht es besonders schlimm: Die Spritzen liegen neben den Hoffnungslosen auf dem Boden, die Jugend lungert und weiß nicht wohin, die Ausgestoßenen und Überzähligen betteln um Geld und Würde.

Deshalb gibt es jetzt Schlingensief. Er meint es ganz, ganz ernst, und nur darum ist er jetzt doch in diesem Theater, obwohl ihm Theater schon ganz lange stinkt. "Raus aus dieser Bude - rein ins Leben!" heißt seine Devise, und raus ins Leben heißt: am Ende dieses Abends eine Ecke weiter, in die aufgelassene Polizeistation, wo Schlingensief und sein Ensemble nun eine Woche lang eine Bahnhofsmission betreiben werden. Dazu braucht es, begreiflich, Mittel: Betten und Stühle gibt es nicht umsonst, der Kaffee will bezahlt sein, und am Ende der Veranstaltung, wer weiß?, ist sogar Geld genug vorhanden, um einige Sozialarbeiter für ein paar Tage zu verpflichten. Dann wird, am 22. Oktober, die Welt ein wenig schöner sein, ein Lichtlein ist gezündet, und das Theater, diese abertote Bude, war wenigstens zu etwas gut.

Das Publikum, es weiß nicht recht: Ist Schlingensief nicht dieser Mensch, der hin und wieder auf der Bühne seine Ausscheidung erledigt, in dessen Filmen Leute zerstückelt werden, ist er nicht eigentlich ein Synonym für Chaos und Geschmacksverirrung? Aber er sieht doch ganz sympathisch aus in diesem Richard-Clayderman-Aufzug, und außerdem steht im Programmheft, daß er "radikal, genial und streitbar" sei und auf Political Correctness pfeife. Also ein Künstler scheint er zu sein, und solchen begegnet man erst einmal mit Geduld und Hochachtung. Zudem gibt es doch Gäste hier, die fürs Niveau zu bürgen scheinen: Die Schauspielerin Irm Hermann, der Auktionator Klaus Kendzia, und dann soll auch noch Wilhelm Wieben selber kommen.

Zuvor muß jedoch allerhand erduldet werden. Zum Beispiel eine dicke Frau, die ohne erkennbare Eignung, jedoch mit großer Innigkeit, ihr Lieblingslied "von der Marlene Dietrich" singt, und das heißt heute abend: "Sag mir, wo die Blumen sind? Wo sind sie gebliiieben?" Regisseur Schlingensief grenzt keinen aus bei dieser Gala, wer sich auch nützlich machen will, er darf ans Mikrophon. Und hat etwa eine Minute, bis ihm der weiße Engel Wort und Ton abschneidet, denn, nicht wahr, die Ausstellung von Unbeholfenheit und Peinlichkeit ist lustig, darf aber nicht zu lange dauern. Da ist der Regisseur auch wieder Anwalt seines Publikums. Dem langsam dämmert, daß das Gesetz des Abends, wo es die Kunst betrifft, nicht Kunst ist, sondern trash. Warum in eine Welt, die vorwiegend aus Müll besteht, nicht noch ein bißchen mehr Müll werfen? Wo doch alles so langweilig ist?

Zur Langeweile gehört allerdings die Unterbrechung. In unregelmäßigen Abständen also wird man ein bißchen angeschrien, ein bißchen amüsiert und auch etwas gequält. Christoph Schlingensief will "Tore öffnen für Menschen, die draußen am Bahnhof wirklich zugrunde gehen"; dafür muß er die Ohren derer ganz weit öffnen, die wohlerzogen und verwirrt auf ihren Plätzen sitzen, sofern sie nicht, ganz en famille der Avantgarde, Schlingensief einfach super finden, Denn klar ist für die Gemeinde, die hier zu ihm gepilgert ist, daß dieser junge Regisseur es ihren Eltern einmal so richtig zeigen wird: Der wird sie zumüllen und peinigen, bis ihnen die faschistische Scheißtoleranz vergeht, spätestens wenn er verkündet, daß Helmut Schmidt Tote auf dem Gewissen habe, und dann bei diesem irren Lied, das er schon auf der documenta sang und das da lautet: "Tötet Helmut Kohl!". Ja, so ist er, unser Schlingi! Einfach echt geil.

Ernst wird es auch, und traurig. Wir sehen auf dem Bildschirm einen sehr dünnen jungen Mann im weißen Krankenhausgewand dem Publikum entgegenzucken, es folgt Musik mit Glockenspiel. Ein wenig später zuckt es wieder, da stürzt ein Skifahrer einen steinigen Hang hinab und sich zu Tode, einmal und immer wieder, weil das die Technik möglich macht - aber nein, das ist nicht zynisch! "Wir fragen uns nur", erzählt uns Christoph Schlingensief, "warum Sport? Wie weit darf man da gehen? Warum nicht einfach durchschlafen?"

Das ist gar keine schlechte Frage. Aber es ist doch sehr laut, wenn viele Menschen durcheinander reden, singen, ein Techniker immer mal wieder austestet, was menschliche Ohren so aushalten können. Und wenn der Regisseur mit seinen Freunden "Die Reise nach Jerusalem" spielt, während der von ihm geladene Sänger an der Rampe sich durch ein Chanson kämpft. Und schließlich gibt es auch Gastredner, von der wirklichen Bahnhofsmission, von der offenen Drogenhilfe, denen man zuhört. Auch Marion, die jeden Sonntagmorgen ein Frühstück für Obdachlose ausrichtet: "Vielleicht", sagt Schlingensief im besten Fliege-Moderationston, "kannst du uns mal GANZ KURZ erklären, was du so machst ...", und läßt es auch an jener rechten Hand nicht fehlen, welche Vertrauen schaffend über die Schulter streicht und aus einer Person ein Wesen macht, das Mitgefühl verdient. So werden Menschen ausgestellt, die jene Mühsal auf sich nehmen, von welcher Schlingensief hier munter faselt, weil ihn die Pfeffersäcke anekeln, die Gutes tun und doch Champagner trinken.

Deshalb gibt es auf seiner Bühne auch nur Sekt, und deshalb parodiert er jene Galas, auf denen Geld zusammenkommt, obwohl es keinem wirklich weh tut. Denn weh tun muß es unbedingt! Christoph Verhoeven Schlingensief legt seine Faust in jene Wunde der Gesellschaft, da Menschen Geld spenden und sich dann besser fühlen. Denn das ist Scheiße.

Aber das Geld? Bevor der geduldige Mond von ganz weit oben das Deutsche Schauspielhaus bescheint, muß doch noch erwirtschaftet werden, was Schlingensief & Co die Fortsetzung der guten Tat dort, wo das Leben tobt, ermöglicht. Mit schier unendlicher Gelassenheit und jenem Selbstbewußtsein, das Immunität ermöglicht, bieten der Auktionator Klaus Kendzia und der Hamburger Star Wilhelm Wieben die Krawatte des letzteren feil, ein paar Netzstrümpfe von Zazie de Paris bringen noch einmal siebzig Mark, ein eingetragenes Jackett mit Samtapplikation nicht viel mehr als das Doppelte. Dem Publikum, das Geld hätte, schwant es längst, daß hier das Richtige die dürftige Kulisse für das Falsche abgibt, und die Gemeinde Schlingensiefs hat zwar den Willen, aber nicht die Mittel, die trostlose Grotekse zu verlängern.

Folglich sieht es am nächsten Morgen sehr bescheiden aus. Pressekonferenz, aber keiner hört zu. In den Räumen der ehemaligen Polizeiwache St. Georg Beton und Pfeiler, an denen selbstverständlich Fernsehapparate befestigt sind, ein paar Tische und Stühle großzügig verstreut - halten sich außer den Mitgliedern des Ensembles nur einige Menschen mit Kameras und Mikrophonen auf, die filmen sollen, was wieder nicht passiert. Junge Frauen in hellblauen Kitteln mit einem roten Kreuz erbitten Blutspenden, meinen es dann aber doch nicht ernst, andere tragen eine Polizeiuniform spazieren, weiße Raumanzüge mit dem Aufdruck "Passion Impossible" oder die Kluft der Müllabfuhr. Der neubestellte Chefdramaturg des Deutschen Theaters Karl Hegemann und Regisseur Schlingensief plappern sich tapfer durch den Versuch einer Pressekonferenz ohne Gegenüber. "Karl, vielleicht kannst du mal GANZ KURZ darstellen ..."; "Vorneweg möchte ich sagen ..."; "Wenn ich das mal erläutern darf ...".

Aber es gibt nichts zu erläutern, außer daß die Hamburger nun einmal Dörfler sind, die Schlingensief, der Mann der Metropolen, ganz wie erwartet dröge findet. Für die nicht Anwesenden Interessierten erwähnt Hegemann zur Sicherheit noch einmal, daß das Theater in seiner alten Form irgendwie überholt ist und jetzt, mit Schlingensief, etwas ganz Neues abgeht, das irgendwie die Grenzen überschreitet. Auf dieses Stichwort hin zieht Schlingensief sich wieder seine Lederjacke an und wird dabei streng von allen Kameras begeleitet.

Die Atmosphäre ist etwa die am Tag der offenen Tür beim örtlichen Gymnasium: einige interessierte Eltern (nobel gekleidete Passanten, die mal reinschauen, weil Kunst) tragen ein nachsichtiges Lächeln über dem Kaschmirblazer, während die Kinder vorwiegend herumstehen, Kaffee trinken und rauchen und ihren Lehrern Schlingensief und Hegemann aus alter Anhänglichkeit nicht zeigen wollen, daß sie sich eigentlich ziemlich langweilen.

Aber sie sind auch aufgeregt und stolz und froh, daß dieser ganze Zauber in dieser ollen Bude - inklusive Originalzelle mit echten Gitterstäben und Pritsche" - ihnen gehört. Und räumen deshalb auch die benutzten Tassen auf, fegen den Müll zusammen, leeren die Aschenbecher. Es soll ja auch gemütlich sein. An den konzentrierten Bewegungen der jungen Schauspielerinnen mit dem Besen und den Tassen, an dem hysterischen Wirbel an der Rezeption - "Wer trägt die Betten rein?", "Laß mich doch mal, Sabine!" - erkennt man die Wonnen der Nützlichkeit. (Und man begreift, warum der BDM so ungemein beliebt war.) Allein die Bedürftigen fehlen. Und werden den Weg wohl nicht finden, von der echten Bahnhofsmission zu der Simultanstation, die Christoph Schlingensief mit seinem jungen Team so engagiert in Szene setzt.

Es wird wahrscheinlich so laufen wie immer beim Tag der offenen Tür: Danach ist wieder Schule. Und Christoph Schlingensief, der von der Arbeit Pickel kriegt, wird trotzdem weitermachen. Wie unser Lehrer Doktor Specht.