Charles Weissmann hört Forscherkollegen zu, die ihre Experimente zur somatischen Gentherapie vorstellen. Sie erzählen leichthin und ohne die Gravität, die man bei den Geisteswissenschaftlern manchmal beobachtet. Die Graphiken, die sie zeigen, könnten durchaus als dekorative Poster durchgehen.

Ihr Englisch ist amerikanisch gefärbt. Sie halten sich an das vorgegebene Zeitlimit, doch Charles Weissmann, einer der Mentoren des Forschungsprogramms, steht noch vor der Pause auf und geht, seine große Schweinsledermappe mehr schleppend als tragend, hinaus.

Er hat es nicht nötig, brav das Ende abzuwarten. Der Mann hat schon viel gesehen - und dreimal beinahe den Nobelpreis bekommen. Dieses Jahr wegen seiner Erforschung der Prionen (der möglichen BSE-Erreger), vor vier oder fünf Jahren wegen seiner Arbeiten zur Genetik sogenannter Retroviren und nochmals einige Jahre zuvor wegen der Klonierung des bis dahin unbezahlbaren Wundermittels Interferon. Jedesmal war er im Gespräch, und jedesmal ging er leer aus. "Wir können über alles reden", sagt Charles Weissmann, "nur nicht über den Nobelpreis."

Dann spricht er doch darüber. Es geht um das Interferon und um die damaligen Spekulationen über einen Nobelpreis. Charles Weissmann sagt, was jeder sagen würde: "Natürlich war da eine Enttäuschung, aber sie ging vorbei." Er sagt auch, er gehöre nicht zu denen, die jedes Jahr im Oktober schlaflose Nächte durchmachen, bis die Gewinner der Nobelpreise bekannt sind. Das mit den schlaflosen Nächten ist schon fast zuviel der Emotionen. "Mehr wäre stillos und peinlich", sagt Charles Weissmann. Einer, der die Contenance wahrt. So hat er es von klein auf in einem sehr gutbürgerlichen Haushalt gelernt.

Weissmann, 66jährig, erzählt von den Anfängen seiner Karriere, von dem Wunsch nach Wissen und Erkenntnis, der ihn überfiel, als er im Alter von elf Jahren in einem Hotelzimmer in Buenos Aires ein Taschenbuch mit dem Titel "Die Mikrobenjäger" las, oder noch früher, als die Gouvernante, eine englische Krankenschwester, ihn in ihrem Anatomiebuch blättern ließ. Im Verlauf seines Medizinstudiums hatte er immer wieder an das Buch gedacht, hatte es in der Phantasie mit neuen, detaillierteren Zeichnungen und Bildern ausgestattet, und als er es sechzig Jahre später wieder in Händen hielt, war er enttäuscht.

"Es war einfacher, als ich es in Erinnerung hatte", sagt er.

Heute benutzt er überhaupt keine Anatomiebücher mehr. Die Forschung ist seine Passion, nicht der Mensch. Deshalb auch hat ihn das Leben als praktizierender Arzt nie reizen können.