Bonn

Am kommenden Mittwoch fällt das Landgericht Bonn ein Urteil, das um die Welt gehen wird. Formal betrachtet stehen ein paar Mark für ein paar alte Frauen in Rede, doch dahinter lauern womöglich Ansprüche in Milliardenhöhe. Es geht um Recht, um Geld und um Moral. Es geht um Vergangenheit, die nicht vergehen, und um Vergangenheitspolitik, die nicht gelingen will. Es geht um Auschwitz, um Bonn und um die Frage, ob die Bundeskasse Adolf Hitlers Arbeitssklaven jede Stunde Zwangsarbeit mit etwa 3,75 Mark vergüten muß. "Kracauer u. a.

gegen Bundesrepublik Deutschland" heißt der Fall, der nach einem halben Jahrhundert erzwingen könnte, daß die Bundesregierung die verschmähten Opfer des größten Sklavenstaates der Neuzeit zu entschädigen beginnt.

Niemals hätten sich die 21 Klägerinnen träumen lassen, daß ihr Fall einmal Bundestag, Bundesregierung und Bundesverfassungsgericht beschäftigen würde.

Vielleicht hätten sie dann gar nicht erst beschlossen, den Lohn ihrer Zwangsarbeit in Auschwitz einzufordern. Fast dreizehn Jahre liegt dieser unschuldige Vorsatz nun zurück. Die meisten israelischen Klägerinnen wußten nicht einmal voneinander, ehe sie sich 1985 in Tel Aviv beim Auschwitz-Gedenktag wiedertrafen. Sie gründeten einen Verein. Die Deutschsprachigen unter ihnen nennen sich selbst "Union-Mädels". "Weichsel Metall Union" hieß nämlich der Rüstungsbetrieb bei Auschwitz-Birkenau, in dem sie einst Artilleriezünder zusammengeschraubt hatten.

Weil er im Januar 1985 gerade Badeurlaub in Israel machte und vor dem Rückflug noch in Tel Aviv war, besuchte auch Klaus Freiherr von Münchhausen die Auschwitz-Gedenkfeier. Er kam mit den Union-Mädels ins Gespräch und geriet, wie er sagt, in einen "Strudel von Ereignissen", der ihn noch heute durcheinanderwirbelt. Dreizehn Jahre später nennt er sich Prozeßbevollmächtigter der Frauen. Zweimal ist er von seinem Job bei der Bremer Sozialbehörde suspendiert worden, weil er tut, was sich für einen Beamten nicht gehört: Er tritt offensiv gegen die Bundesrepublik Deutschland auf. Inzwischen lehrt er an der Bremer Uni - über Zwangsarbeit.

Sein kleines Haus im Gassengewirr des Bremer Ostertorviertels ist zum Archiv geworden. Überall Bücher, Akten, Papiere. Alles über Hitlers sieben Millionen Arbeitssklaven, darunter die handschriftlichen Erinnerungen der Klägerinnen.