Alle ernstzunehmenden Experten sind sich einig: Um in der Welt von morgen zurechtzukommen, wird der Mensch einer besonderen Schlüsselqualifikation bedürfen, für die der Begriff "Medienkompetenz" geprägt wurde. Wer sich also nicht schon bald als heillos zukunftsuntauglich erweisen möchte, der tut gut daran, sich rechtzeitig diese Medienkompetenz zuzulegen. Doch was ist das eigentlich? Und warum ist sie künftig so wichtig?

Zunächst ist es naheliegend, anzunehmen, daß Medienkompetenz die Fähigkeit bezeichnet, neue Medien effektiv benutzen zu können. Doch da heutzutage schon jedes Kind Joysticks und Cyberhelme virtuoser handhabt als unsere Vorväter Sturmgewehr und Klappspaten, kann die Fähigkeit zum technischen Umgang mit den neuen Medien wohl kaum gemeint sein.

Bleibt die Möglichkeit, daß sich Medienkompetenz irgendwie auf den Inhalt des Medienangebotes bezieht. Nach Interpretation unseres Bundesbildungsministers besteht ein wichtiger Aspekt der Medienkompetenz in der Fähigkeit, zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden zu können (siehe ZEIT Nr. 39/97).

Deutliches Anzeichen eines Mangels an Medienkompetenz ist demnach der Tatbestand, "daß erwachsene Menschen bei einem öffentlichrechtlichen Fernsehsender anrufen und fragen, ob sie eine Wohnung in der Lindenstraße mieten können", oder daß "kleine Kinder ihr Geschwisterchen zerstückeln und sich wundern, daß es sich - anders als im Horrorfilm - nicht mehr zusammenfügen läßt". Fallbeispiele, die erschüttern.

Doch die zugrundeliegende Definition von Medienkompetenz greift zu kurz. Oder würden Sie Ihren Kindern einen Mangel an "Märchenkompetenz" attestieren, wenn sie sich nach Lektüre von "Hänsel & Gretel" nicht mehr zu einem Spaziergang durch den dunklen Wald überreden lassen? Nein, die Schwierigkeit, Fiktion und Wirklichkeit auseinanderhalten zu können, ist mindestens so alt wie das Jägerlatein am Lagerfeuer unserer Mammut jagenden Vorfahren. Mit einer neuartigen Fähigkeit muß folglich etwas anderes gemeint sein.

In Wahrheit ist der Begriff eine treffende Metapher aus der Gentechnologie.

Dort bezeichnet "Kompetenz" nämlich die Fähigkeit von Zellen, von außen angebotenes Erbmaterial aufnehmen zu können. Da das von ganz vielen Zellen nur sehr wenigen gelingt, verleiht man diesen mit dem Erbmaterial eine Resistenz gegen bestimmte Gifte. Man kann dann alle diejenigen Zellen, die kein fremdes Erbmaterial aufgenommen haben, durch eine Giftbehandlung abtöten, so daß nur solche überleben, die das fremde Erbmaterial akzeptiert haben.

Im übertragenen Sinne bedeutet Medienkompetenz demnach die Fähigkeit, die Angebote der Medienwelt in sich aufnehmen und damit im widrigen Alltag besser bestehen zu können.

Wenn Ihnen also die Musik des "Musikantenstadels" derart das Herz erwärmt, daß Sie damit einen naßkalten Arbeitstag in Ihrer zugigen Imbißbude um die Ecke wohltemperiert überstehen, oder wenn Ihnen hohe Dosen von "Herzblatt" und "Traumhochzeit" locker über jeglichen Mangel an eigenen zwischenmenschlichen Beziehungen hinweghelfen, ja dann verfügen Sie wirklich über Medienkompetenz.

Wagen Sie nun einen Blick in die Zukunft und denken an all die vor uns liegenden Probleme: von der steigenden Arbeitslosigkeit bis hin zur globalen Umweltzerstörung. Ahnen Sie, warum Medienkompetenz immer wichtiger wird?