Die Vertreter der Fernfahrergewerkschaften und Spediteure verließen den Verhandlungstisch am Sonntag morgen um fünf Uhr mit strahlenden Gesichtern.

Die ganze Nacht hatten die Sozialpartner in Paris um eine "gemeinsame Erklärung" gefeilscht, die Lohnerhöhungen und kürzere Monatsarbeitszeiten vorsah. Eine neuerliche Blockade von Frankreichs Straßen und Autobahnen durch die Lastwagenfahrer, so glaubten die Unterhändler, könnte damit noch in letzter Minute vermieden werden. Jean-Louis Amato, Präsident der Vereinigung der Kleinspediteure Unostra, lobte "das gerechte Gleichgewicht" der Erklärung. Joël Le Coq, Verhandlungsführer der größten Fernfahrergewerkschaft CFDT-Transport, schwärmte gar von einer "historischen Nacht", mit "exzellenten Resultaten".

Doch schon wenige Stunden später wurden die Sozialpartner von ihrer Basis desavouiert. Überall im Land verbrannten aufgebrachte Lkw-Fahrer das Erklärungspapier. Frankreichs Brummi-Fahrern steckt noch heute die Lkw-Blockade vom vergangenen Jahr in den Knochen. Arbeitgeber und Regierung hatten damals versprochen, das Rentenalter auf 55 Jahre zu senken und eine einmalige Prämie über 3000 Franc zu bezahlen. Doch kaum etwas geschah. Nur eine Minderheit der 55jährigen konnte in Ruhestand gehen. Gerade mal fünf Prozent der 38 000 Fuhrunternehmen haben die Prämie bezahlt.

"Warum sollten wir noch an Vereinbarungen glauben?" fragten die Chauffeure überall im Land. Ihr Mißtrauen scheint berechtigt. Denn auch die UFT-Spediteursunion, die achtzig Prozent der Fuhrunternehmen vertritt und die Nachtverhandlungen boykottiert hatte, verweigerte ihre Unterschrift unter der Erklärung. Obwohl ein Streik erst für Sonntag abend angekündigt war, brachten viele Fahrer ihre Laster schon tagsüber in Blockadestellung. Die Gewerkschaften waren nicht mehr Herr der Lage. Um die Fassa de zu wahren, riefen sie im nachhinein zu einem "langen und harten Streik" auf.

Der Lkw-Fahrer-Streik ist exemplarisch für den desolaten Zustand der französischen Sozialpartner. "Frankreichs Gewerkschaften und Arbeitgeber sind schlecht organisiert, sie repräsentieren kaum noch die Basis und haben nur wenig Kontrolle über ihre Mitglieder", sagt Henri Weber, Autor von "Die Partei der Patrons", dem Standardwerk über den französischen Arbeitgeberverband CNPF. Die Folge davon ist die "Unfähigkeit zum sozialen Kompromiß auf Verhandlungsbasis", so das Renommierblatt Le Monde, "der hartnäckigste Archaismus der französischen Gesellschaft". Für Dominique Labbé, Autor mehrerer Bücher über die Gewerkschaften jenseits des Rheins, ist Frankreich bei den Sozialbeziehungen gar "ein Entwicklungsland".

Die Leistungsbilanz der Sozialpartner beim Lösen von Konflikten ist tatsächlich mager. Regelmäßig brechen Streik- und Unruhewellen wie Naturkatastrophen herein über das Geburtsland der modernen Revolution. So gingen Hunderttausende von Franzosen im Dezember 1995 unter den staunenden Augen der Welt zwei Wochen lang auf die Straße, um gegen eine Reform der Sozialversicherung zu protestieren. Zehn Monate später blockierten Tausende von Fernfahrern zwölf Tage lang Frankreichs Straßennetz. Zum Jahresbeginn provozierte die Schließung eines Renault-Werks im belgischen Vilvoorde mehrere Protestmärsche auf Paris. Die Verzweiflungsproteste blieben in allen drei Fällen weitgehend folgenlos. Doch Reformen, so mußte selbst der von den Mai-Unruhen 1968 arg gebeutelte Charles de Gaulle erkennen, sind in Frankreich wohl nur nach Revolutionen durchzusetzen.

Die gallische Streiklust hat Folgen für Resteuropa. Die Blockaden lähmen Tausende europäischer Brummi-Fahrer, die auf die Durchfahrt durch das Transitland Frankreich angewiesen sind. Schon mahnte die Kommission der Europäischen Union (EU) Premierminister Lionel Jospin, den einheitlichen Markt mit freiem Verkehr von Personen, Waren und Dienstleistungen auch zu Streikzeiten zu garantieren. Noch beunruhigender sind die Bilder, die Frankreich, mit dem Deutschland in vierzehn Monaten eine gemeinsame Währung teilen will, derzeit liefert. Schlägereien zwischen französischen Streikenden und erregten spanischen Kollegen endeten zum Wochenanfang mit Schwerverletzten - ähnlich wie andere Kleinkriege am Rand der Lkw-Blockade vom vergangenen Jahr. Hilflos riefen Frankreichs Gewerkschaften zu Gewaltlosigkeit auf.