Unser aller Mitgefühl gilt heute den Bürgerinnen und Bürgern von Greifswald, Nordhausen, Lüchow und Altötting. Dort ist man vom wirklichen Leben nämlich insofern isoliert, als die nächste Autobahnauffahrt mindestens fünfzig Kilometer entfernt ist. Mitten in unserem immer noch reichen Land verbergen sich Flecken, die von allen Überholspuren abgeschnitten sind.

Schwer vorstellbar, daß unter diesen entwürdigenden Umständen Zivilisation fortbestehen kann. Keine Freiheit, nix Bleifuß, nur Stillstand

Denn ein Volk, das einen schlitzohrigen Bruchpiloten wie Schumi hervorgebracht hat, nutzt seine Autobahnen nicht bloß zum Rasen und Rasten, sondern auch zum Dichten und Denken. "Wer weiß schon, wieviele aufregende Ideen und weitreichende Entscheidungen auf ganz alltäglichen Autobahnfahrten zustandekommen?" fragt sich ein neues Buch, das jetzt endlich Zeugnis darüber ablegt, warum es alle diesseits von Altötting so viel besser haben.

"Highway Deutschland" enthüllt (im Kapitel "Die wahre Geschichte"), wie es die Autobahn von der ersten Idee vor zweieinhalbtausend Jahren in Kleinasien (!) bis zum heutigen Kultstatus brachte. Wer schon immer wissen wollte, warum es am Rhein nicht so schön ist wie auf der Sauerlandlinie, wird hier prompt bedient.

Der Bildband, der leider nicht ins Handschuhfach paßt, lehrt uns auf 200 Photos, unser Land neu zu sehen: Täler werden erst durch Talbrücken richtig schön, und Mittelgebirge können wir nur aushalten, wenn ihnen ein sechsspuriges Asphaltband eingebrannt wird. Eine Kolonne Sattelschlepper im Gegenlicht, gelenkt "von den letzten unabhängigen Helden in unserer verplanten Welt", vermag unsere Herzen zu öffnen.

Mit "Highway Deutschland" kommt die Bibel für die Bleifußgemeinde, die das Gambacher Kreuz metaphysisch deutet. Die heilende Kraft des Highways verspricht ein schnelleres Leben. Im Radio haben die halbstündlichen Litaneien über Staus und stockenden Verkehr die Morgenandachten überflüssig gemacht.

Unsere 11 000 Kilometer Autobahn sind der letzte stabile Teil unseres sozialen Netzes: Mögen auch kommunale Bibliotheken geschlossen, Kindergärten teurer und Renten gekürzt werden: Die Autobahn ist immer da, für alle und für umsonst. "Unbegrenzt benutzbar, macht die Autobahn direkt klar, wo Steuergelder investiert werden", lobhudeln die Autoren, die sich ihr literarisches Rüstzeug als Redakteure bei "Aktenzeichen XY ungelöst" erworben haben. Darum gelingen ihnen Sätze wie dieser: "Kaum eine andere Reiseart läßt gleichzeitig Abgeschiedenheit und verschiedenste Welten so stetig und intensiv erleben."