Strom kommt bekanntlich aus der Steckdose. Nur wie er hierzulande dahinkommt, ist, gelinde gesagt, ein wirtschaftspolitischer Anachronismus: Mit dem Segen des Gesetzgebers und nahezu unbehelligt von den Aufsichtsbehörden, beutet eine Handvoll Elektromonopolisten samt ihren Tochterunternehmen die Kundschaft regelrecht aus. Doch mit diesem Sündenfall wider die Marktwirtschaft muß auf Geheiß der Europäischen Union bis 1999 endlich Schluß sein. Bravo!

Die Langzähnigkeit aber, mit der Wirtschaftsminister Günter Rexrodt bei der überfälligen Reform zu Werke geht, ist ein Skandal. Selbst sein nach viel Zaudern nachgebesserter Entwurf für ein neues Energiewirtschaftsgesetz mißachtet eklatant die Empfehlungen der Fachleute und die Erfahrungen jener Länder, die ihren Strommarkt bereits liberalisiert haben. Wenn Rexrodt, wie geplant, sein Vorhaben noch im November unverändert durchs Parlament drückt, werden sich die Altmonopolisten zwar fortan damit schmücken, dem Wind des Wettbewerbs ausgesetzt zu sein tatsächlich wird sich für die Kundschaft nur wenig ändern. Dabei hätte Rexrodt nur einen Blick in das Gutachten der von ihm selbst berufenen Monopolkommission aus dem Jahr 1996 werfen müssen, um zu merken, daß sein Reformansatz nicht hält, was er verspricht.

Wie die Eisenbahn- und die Telekommunikations-Infrastruktur zeichnet auch die Elektrizitätsversorgung ihr Netzcharakter aus. Solche Infrastrukturnetze haben die Eigenschaft natürlicher Monopole - mit der Folge, daß die Liberalisierung der entsprechenden Branchen zwar voraussetzt, alte Schutzzäune einzureißen, gleichzeitig aber auch verlangt, neue Regeln für den Netzzugang aufzustellen. Im Telekommunikationsmarkt haben das die Stromkonzerne längst begriffen. Einige von ihnen drängen auf den demnächst völlig offenen Markt - und pochen auf günstige Gebühren für die Nutzung des Telekom-Netzes. In ihrer eigenen Domäne, dem Strommarkt, wollen sie davon nichts wissen. Dort sollen neue Konkurrenten gefälligst selbst zusehen, wie sie ins Netz, und damit zum Kunden, kommen.

Was wie ein technisches Detail anmutet, ist tatsächlich die entscheidende Machtfrage. Verweigert Bonn neuen, unabhängigen Stromanbietern gesetzlich klar geregelte Bedingungen für die Durchleitung ihres Stromes durch das vorhandene Leitungsnetz, dann bleibt es bei der Vorherrschaft der Monopole, dann wird auch in Zukunft nicht viel von Wettbewerb zu spüren sein.

Tatsächlich streitet mangels einer gesetzlichen Regelung der Verband der Leitungsbesitzer mit den Verbänden der industriellen Stromkundschaft - darunter allerdings auch Töchter der Monopolisten - bereits seit Monaten über Kriterien und Kosten der Netzbenutzung. Der Konflikt verspricht nichts Gutes.

Vor allem sollen die Durchleitungskosten entfernungsabhängig berechnet werden. Dies ist physikalisch nicht zu begründen und hätte ökonomisch verhängnisvolle Konsequenzen. Denn, für Laien schwer verständlich: In einem Stromnetz fließen die Elektronen keineswegs über Hunderte Kilometer. Steigen die Durchleitungsentgelte aber trotzdem mit zunehmender Entfernung, erreichen sie schnell prohibitive Höhen, was die Zahl der Wettbewerber drastisch einschränkt. Großverbraucher wie die Ludwigshafener BASF, die in der Nähe der Versorgungsgebiete von fünf Stromanbietern angesiedelt sind, mögen damit leben können nicht aber Mittelständler oder die Privatkunden von Stadtwerken in geographisch weniger günstiger Lage. Um sie wird Wettbewerb nicht stattfinden.

Allerdings steht noch mehr auf dem Spiel: Auch der Umweltschutz. Darüber lamentieren seit langem die Kommunen. Sie klagen, die von manchem Stadtwerk betriebene Politik, Strom und Fernwärme umweltverträglich gleichzeitig herzustellen, sei gefährdet, wenn ihnen in Zukunft lukrative Großkunden durch neue Konkurrenten weggeschnappt werden könnten. Rexrodt hat dem Jammern der kommunalen Lobby schließlich nachgegeben. Er ist nun bereit, den Kommunen den Status des Alleinkäufers einzuräumen. Das heißt: Die Stadtwerke sollen als Zwischenhändler auftreten dürfen, wenn ein neuer Stromanbieter Kunden in ihrem Versorgungsgebiet beliefern will. Dadurch mag zwar der Kontakt zwischen Stadtwerk und Kunde aufrechterhalten werden dem Umweltschutz hilft das allerdings gar nichts. Der Ökologie wäre nur gedient, wenn faire Durchleitungstarife es auch den Stadtwerken erlauben würden, ihren überschüssigen Strom anderswo abzusetzen, falls neue Konkurrenz ihr gewohntes Geschäftskalkül durchkreuzt.