Als Ende 1991 Polens Finanzminister Leszek Balcerowicz nach 800 Tagen zermürbt aus dem Amt schied, weinten ihm seine Landsleute keine Träne nach.

Die Politik des Brutalreformers hatte Preise und Kreditzinsen in die Höhe gejagt, Löhne und Subventionen dagegen schrumpfen lassen. Während das Ausland über den Mut des Ökonomieprofessors staunte, war er zu Hause als herzloser Kapitalist verschrien. Heute versichert Matthew Olex-Szczytowski, damals einer seiner engsten Berater: "Er war der Vater des polnischen Wirtschaftswunders." Und das eigentliche Wunder ist, daß dem kaum jemand widerspricht.

Nach sechs Jahren ist der heute fünfzigjährige Balcerowicz wieder in Amt und Würden, als Stellvertreter von Premierminister Jerzy Buzek zudem eine Schlüsselfigur im neuen polnischen Kabinett - und nun werden neue Wunder von ihm erwartet. Die Voraussetzungen sind gar nicht so schlecht.

Denn das, was der zurückgekehrte Finanzminister im Rückblick als einen "kontrollierten Schock" bezeichnete, ist Polen besser bekommen als die zögerliche Hinwendung zum Kapitalismus in den sozialistischen Nachbarländern.

Heute hat in ganz Mittel- und Osteuropa einzig Polen ein Sozialprodukt, das höher liegt als in den Zeiten des Umbruchs. Und es wird bereits zu sechzig Prozent von privaten Unternehmen erwirtschaftet.

Dabei war der Weg Leszek Balcerowiczs zum Prediger der Marktwirtschaft alles andere als gerade. Der in seiner Jugend meisterliche Mittelstrekkenläufer (Bestzeit über 800 Meter: 1 Minute 54,7 Sekunden) war noch fleißiger Kommunist, als er zum Studium der Wirtschaftswissenschaften nach New York ging. Auch danach störte es ihn nicht, an einem Institut des Zentralkomitees der polnischen KP zu arbeiten und zugleich ein Wirtschaftskonzept für die aufrührerische Gewerkschaft Solidarnoc zu entwickeln. Im April 1995 schwang er sich an die Spitze der liberalen Freiheitsunion - nachdem er ihr gerade einen Monat zuvor beigetreten war.

Der unabhängige Ökonom der Wendezeit muß heute als Chef der kleineren Koalitionspartei Rücksichten auf den großen Partner, die konservativ-katholische AWS, nehmen und bereits die ersten Forderungen nach sozialen Wohltaten abwehren. Doch sein Vertrauter Olex-Szczytowski glaubt zu wissen: "Heute hat Balcerowicz weit größere Freiheiten als 1990." Er kann nämlich auf einer relativ stabilen Währung, einem reformierten Bankensystem, stattlichen Auslandsinvestitionen und der verbreiteten Einsicht aufbauen, daß es den Beitritt zur Europäischen Union nicht umsonst gibt.