Es passiert dann doch noch. Auf Seite 183. Auf dem Dach eines Hochhauses.

Der Roman und sein jugendlicher Held kommen zum Höhepunkt: "Ihr Becken kreist, hebt und senkt sich. Du stöhnst, ah, die Erde!" Genaugenommen stöhnt der 23jährige Philipp Worovsky, aber der Leser dieses durchgängig in der zweiten Person Einzahl erzählten Buches, kann dem Werben um Empathie nicht länger standhalten und freut sich redlich, daß es nicht so weitergeht wie zuvor - wie mit Lila, deren "Karussell vergangene Nacht keine Fahrt gewann" mit Lana, die sich schon beim ersten Kußversuch als echtes "Panzerglasgemüt" entpuppt mit Lolly, die über "Schmollmund" und "große unschuldige Augen" verfügt, in Wahrheit aber aber das aus einem Wartezimmer entwendete Covergirl einer Illustrierten ist oder mit der ziemlich realen Lu, die "ein Kühlschrank mit Sommersprossen" ist und Philipps freundliches Beischlafangebot mit einer saftigen Ohrfeige quittiert.

Aber jetzt, auf dem Hochhaus, unter der "Sonne von Austerlitz", bricht sich die angestaute Libido des Helden Bahn - unter freundlicher Mithilfe Napoleons. Das hat nichts mit einem etwaigen Coming-out des Helden zu tun, sondern mit seiner Begeisterung für die Französische Revolution. Also tauft er die attraktive Kaufhausdiebin, die er in flagranti beobachtet und mit einem (gekauften) Skiny-Slip, den er ihr schenkt, zu beeindrucken versucht, auf den Namen Napoleon. Denn: "Von wegen Revolution, die kann dir gestohlen bleiben, Napoleon ist die Überwindung der Revolution."

Warum Philipp Worovsky die Revolution überwinden muß, ist leicht erklärt.

"Kleine Schule des Karussellfahrens", der Debütroman des 1968 geborenen und aus Vorarlberg stammenden österreichischen Schriftstellers Arno Geiger, spielt im Jahr 1989. Und so wie Ludwig XVI. am 14. Juli 1789, als andere mit dem Erstürmen der Bastille beschäftigt waren, sein berühmtes "rien" ins Tagebuch schrieb, kommentiert Worovsky die Ereignislosigkeit der eigenen Existenz: "1989 - ein unerhebliches Jahr."

Was strengen Lesern als frivole Koketterie erscheinen mag, erweist sich im Laufe der Lektüre als laue Pointe. Denn was der "revolutionskritische" Philipp, der arglose Verkäuferinnen ungefragt mit Köpfungsstatistiken behelligt, der Langeweile einer postpubertären Existenz unter mütterlicher Obhut entgegenzusetzen hat, ist nichts anderes als das Loblied auf eine Phantasie, die gerne Luftballons und Drachen steigen läßt und glaubt, mit tranigen Spontisprüchen wie "Liberté, Egalité, Variété!" noch irgendwen hinter dem Ofen hervorlocken zu können. "Och, tut mir leid", meint ein Freund ironisch, "das richtige Leben, ich weiß, findet noch immer im Kopf statt."

Worauf Philipp antwortet: "Könnte von mir stammen, der Ausspruch ... Stammt der von mir?" Da sind Worovsky und Geiger dann endgültig auf den André Heller gekommen: Die wahren Abenteuer sind im Kopf.