Man kann ja gar nicht genug klagen über die Zustände in dieser Risikogesellschaft. Jeder denkt nur noch an sich. Diese Vereinzelung! Diese Kriminalitätsraten! Und die sozialen Pflichten, hä? Werden links liegengelassen, neben dem vollen Mülleimer, den natürlich wieder niemand rausgetragen hat. So ist das heutzutage.

Nur gut, daß die schreckliche Wirklichkeit kaum je bis in unsere kleine Welt aus Reihenhäuschen mit Handtuchgärtchen vordringt. Es war an einem dieser Spätsommerabende, die schon kurz sind, aber noch lau, als ein empörter Schrei des Nachbarn W. von schräg links hinten die Wohnidylle jäh zerriß: "He, was machen Sie mit meinem Fahrrad?" Im selben Moment sah man in 25 Meter Entfernung einen jugendlichen Straftäter eiligst davonstrampeln. Seine blonden Haare wehten dünn im Wind. Nachbar W. trat soeben die Verfolgung an - ein bißchen weniger eilig, denn er war auf Socken. Pech.

Nun hatte der Täter keineswegs ein mountainbikemäßiges Szenerad erwischt, dem man die Rasanz schon von weitem ansieht. Es handelte sich vielmehr um ein, in Worten: sechsundzwanzig Jahre altes Hollandrad, wie Nachbar W. so atemlos wie betroffen schilderte. Gerade hatte er es für teures Geld mit neuen Teilen ausstaffiert, weitgehend unauffällig, damit man es bedenkenlos am S-Bahnhof abstellen konnte. Ein Fahrrad, mehr Gefährte als Gefährt: weg. Verschwunden.

"Es fuhr so super!"

In den darauffolgenden Tagen füllte Nachbar W. in seinem Leid nicht nur den polizeilichen Vordruck für Diebstahl eines Fahrrads aus, sondern er startete auch mehrere Suchtouren in den nahe gelegenen Park an manchem S-Bahnhof sichtete er die dort angeschlossenen Fahrräder und beäugte kritisch jeden Radler, der ihm entgegenkam. Wir fanden das verständlich, aber sinnlos. Wie sollte man in einer Großstadt wie Hamburg ein altes Fahrrad wiederfinden?

Lächerlich! Doch W. blieb seltsam zuversichtlich, wochenlang. Psychologisch ganz klar: ein Fall von echter Trauer.

Vor kurzem, ein nasser Herbsttag neigte sich dem Ende zu, fuhr W. auf dem Nachhauseweg im Bus. Da sah er ein paar Meter weiter einen jungen Mann ein Fahrrad schieben. Das rostige Vorderrad ... die Gangschaltung am Lenker fast in der Mitte montiert ... die Schutzbleche schwarz und schmutzig ... Moment mal: Sein geliebtes Fahrrad, nunmehr in den Händen eines dunkelhaarigen Riesenkerls! Es ging um Sekunden, raus aus dem Bus und hin zum Rad - "Können Sie mir erklären, wie Sie an mein Fahrrad kommen?" - , und er griff auch gleich entschlossen nach dem Lenker. Der Angesprochene stammelte verblüfft, ließ vor Schreck das Diebesgut los und - rannte davon.