Diese Krise ist gut", titelte die ZEIT vergangene Woche. Aber mußte es zum Zerfall der Währungen hochgelobter Tigerstaaten und zu Kurszusammenbrüchen an den Börsen der Welt kommen? Müssen Finanzmärkte so verrückt spielen, daß Anteilscheine an Unternehmen heute um fünfzehn Prozent billiger oder teurer sind als gestern? Man stelle sich vor, die Preise für die Produkte solcher Unternehmen - für den Flug mit der Lufthansa, für einen Mercedes - schwankten täglich ebenso wie die Aktien und die Wechselkurse! Die Gütermärkte, die Produktion, der ökonomische Kreislauf würden zusammenbrechen.

Die globalen Finanzmärkte spielen verrückt. Aber warum nur? Gestern noch empfehlen Analysten den Kauf von Aktien oder die Anlage in Hongkong-Dollars, und heute entdecken sie fundamentale Fehlentwicklungen ganzer Volkswirtschaften. So als ob sich über Nacht ergeben könne, daß die Löhne in irgendeinem Land zu hoch, die Finanzpolitik wachstumsfeindlich und die Währungs- und Geldpolitik der jeweiligen Notenbank nicht vertrauenswürdig seien. Mehr noch: Über Nacht soll Experten klargeworden sein, daß das Bankensystem in irgendeinem Land unsolide Engagements zuhauf zulasse, politisch korrumpiert sei.

Kein Argument ist blöde genug, um Politik für Verluste - natürlich nicht für Gewinne - der Zocker an den Börsen des Kasino-Kapitalismus verantwortlich zu machen. Ein Beispiel nur: Der Leitartikler einer konservativen deutschen Tageszeitung brachte den Einbruch der Aktienkurse in Frankfurt in Zusammenhang mit dem gescheiterten Projekt der Steuerreform. Nach dem Motto: Reim dich auf Politik, oder ich freß dich.

Ein kausaler Zusammenhang wäre dann zu erwägen, wenn der Autor darlegen könnte, daß in New York, Tokio, London und Paris, wo die Kurse ebenso einbrachen, auch eine Steuerreform gescheitert sei. Dafür gibt es keinen Beleg. Mehr noch: In den USA ist vor wenigen Wochen eine wirtschaftsfreundliche Senkung der Steuern beschlossen worden, die dieselbe deutsche Tageszeitung als vorbildlich lobte. Dem Dow Jones Index an der Wall Street hat das nichts geholfen, die Kurseinbrüche waren sogar größer als beim Frankfurter Dax.

Und dennoch: Es ist schon richtig, Ursachen für den weltweiten Kasino-Kapitalismus in der Politik der Regierungen zu suchen. Durch welche politischen Entscheidungen also wurden die Volkswirtschaften den Finanzmärkten ausgeliefert?

Es sind drei Entscheidungen, die von den führenden Finanzplätzen der westlichen Welt - New York, London, Frankfurt - und den dazugehörigen Regierungen ausgingen. Dank des politischen und ökonomischen Gewichts der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Deutschlands wurde daraus ein globaler Wechsel. Kein Finanzplatz, keine Regierung konnte sich entziehen.

Erstens: Unter dem Schlagwort "Deregulierung" sollte die "Einmischung" des Staates in die Wirtschaft beseitigt werden. Die "spontane Ordnung" der Märkte sollte global den "Konstruktivismus" der Politik ablösen. Der in der Demokratie selbstverständliche Primat der Politik sollte an die Wirtschaft, insbesondere an die Banken als Betreiber der Finanzmärkte übergehen.