Liest man die deutsche Presse, so kann man nur konzedieren, daß die Meinungsführerschaft der alten Elite ungebrochen ist. Hie und da regen sich Zweifel am Konzept.

Wer jedenfalls in der letzten Woche in Deutschland die Frage beantwortet haben wollte, ob und was denn die Börsenturbulenzen mit dem herkömmlichen Gemenge aus Angebotspolitik, Monetarismus und Deregulierung zu tun haben, der wurde von der gewiß konservativen Financial Times vom 29. Oktober besser bedient. Dort entwirrte der Leitartikler Peter Martin die Wirkungszusammenhänge zwischen Desinflationspolitik, Globalisierung, dem Appetit auf Risiko und dem Glauben an neue Paradigmen.

Der angebotspolitisch erzeugte globale Standortwettlauf um die besten Produktionsbedingungen - dies bei permanenter Desinflationierungspolitik der Notenbanken - hat Abwertungswettläufe erzeugt und wird sie weiter erzeugen.

Die Abwertung der Tigerwährungen in Fernost kostet uns hier selbstverständlich Exportwachstum, höchstwahrscheinlich werden die Handelsbilanzüberschüsse der Deutschen gegenüber diesen Ländern schrumpfen das hat Auswirkungen auf die Wachstumsperspektiven des nächsten Jahres. Eine Deflationsspirale wird daraus, wenn man der Angebotspolitik folgt, durch Kostensenkung bei Löhnen und Rücknahme der Staatsausgaben den Kostenvorteil der Abwertungsländer auffangen will, um die Exportnachfrage zu stabilisieren, und dabei immer wieder die Inlandsnachfrage stranguliert.

Bei dem global herrschenden policy-mix besteht durchaus das Risiko einer Deflationskrise nach dem Muster von 1929: Deflationsstrategien produzieren Börsencrashs. 1929 glaubten die Machteliten an die gleichen Paradigmen wie heute.

Betrachtet man etwa die Lohndiskussion bei uns, so entdeckt man, daß heute immer mehr Ökonomen vom Fach die Deflationsgefahren ernst nehmen. Am lautesten und noch "allein gegen die Mafia" - so die Wirtschaftswoche - das Berliner DIW in seiner Minderheitsmeinung bei der Herbstdiagnose der führenden Forschungsinstitute: Daß die Löhne nicht nach oben vom Produktivitätspfad abweichen dürfen, weiß inzwischen jeder. Daß die Produktivitätsregel aber auch nach unten gilt, also gesamtwirtschaftliche Lohnsenkungen Deflation bewirken, Wachstum und Arbeitsplätze im künftigen Euro-Raum kosten, wenn sich keiner mehr in Europa mit Abwertungen seiner Währung vor der Verdrängungskonkurrenz seines Nachbarn schützen kann, müssen noch viele lernen.

Auch die Mehrheit der Institute redet natürlich Lohnsenkungen nicht mehr das Wort. Sogar die Bundesbank setzt sich für moderate Nettolohnerhöhungen ein.