Im deutschen Bundestag freilich schlagen die Matadore von gestern noch die wirtschaftspolitischen Schlachten von gestern. Außer Wolfgang Schäuble, Vorsitzender der Unionsfraktion, und SPD-Chef Oskar Lafontaine. Die Argumentation der beiden ist aber eher was für Hellhörige. Jedenfalls öffentlich wird bei den Orthodoxen noch so getan, als ob es dasselbe wäre, irrsinnige Regulierungen im Baurecht, beim Umweltschutz, bei Forschungsvorhaben, in den Handwerksordnungen und im Bodenrecht der Bauern zu beseitigen oder den Staat dort durch den Markt zu ersetzen, wo der Markt offenkundig nicht zureichend funktioniert. Dazu ein Zitat: "Wie von unsichtbarer Hand geleitet, sorgen die Finanzmärkte dafür, daß auf Dauer reale Wechselkurse zustande kommen, die in Europa überall für die tendenziell gleiche Arbeitslosigkeit sorgen."

Dieser Satz, der tiefe Zweifel in die Funktionsfähigkeit der bestehenden Finanzmärkte erkennen läßt, stammt von Olaf Sievert, Landeszentralbankpräsident zu Sachsen und intellektueller Fähnleinführer im Kronberger Kreis, der wissenschaftlichen Vorhut der radikalen Deregulierer in der Bundesrepublik.

Was die Befreiung der Märkte von staatlicher Regelung angeht, bieten die Angebotspolitiker im Lande nach vielen Jahren eine wenig überzeugende Bilanz: Mager ist das Ergebnis ihres Kampfes gegen die Unsummen kleiner und kleinlicher staatlicher Vorschriften, die Innovationen erschweren und einen aberwitzigen Aufwand an Zeit und Geld bei den Unternehmen und beim Staat verschlingen. Hier ist noch viel zu tun, hier bleibt Angebotspolitik modern.

Dort aber, wo der Wegfall staatlicher Regelungen beispielweise in den Währungs- und Finanzmärkten höchst riskant ist, Märkte überfordert, die dann durch falsche Preissignale die Güterwirtschaft der Welt in die Irre führen, Wachstums- und Beschäftigungseinbußen nach sich ziehen, letztlich mit Börsencrashs und Währungsturbulenzen die Volkswirtschaften ganzer Regionen der Welt schocken, dort ist die Deregulierung weit, zu weit vorangekommen.

Des Rätsels Lösung: Jede der kleinen, weitgehend überflüssigen, innovationsfeindlichen Vorschriften im Inland hat eine Lobby, die sie mit Zähnen und Klauen verteidigt. Weil sie anderen den Marktzugang erschwert oder eine Quelle von Einkünften ist. Die Banken und sonstigen Kapitalsammelstellen aber wollten die Deregulierung, versprachen sich von möglichst wenig Vorschriften über zulässige Börsengeschäfte und internationalen Geld- und Kapitalverkehr erheblich größere Geschäfte als von der Sicherung ihrer nationalen Märkte durch nationale Regelungen. Zu Recht.

Hier hat also die Politik gemacht, was die Lobby wollte. Und beide sind, wie die Turbulenzen und die Bemühungen der BIZ und der Weltbank zeigen, übers Ziel ökonomisch effizienter Liberalisierung hinausgeschossen. Die Deregulierung hat bei flexiblen Wechselkursen staatenlose Finanzmärkte geschaffen, die ihren eigenen Regeln folgen und jede staatliche "Einmischung" als eine Art Eingriff in die "Souveränität" privater Kapitalsammelstellen verurteilen.

Es wird schwer sein, Übertreibungen der Liberalisierung der internationalen Finanzmärkte zurückzunehmen. Eine wirkliche Chance hätte die Politik nur dann, wenn es zu einer manifesten Krise kommt. Einer Krise, die weitaus gravierender wäre als das "kleine Beben" von Fernost. Das wissen die Nutznießer in den Finanzmärkten. Und deshalb werden sie kleine Beben zwar nicht ausschließen können, aber große Beben solange wie möglich zu verhindern suchen, auch wenn es Geld kostet. Denn im Saldo gewinnen bisher die professionellen Spieler (Anleger) Verlierer sind die von Spekulation überzogenen Volkswirtschaften.