MÜNCHEN. - Der klassische Liberalismus wird von seinen Kritikern häufig auf den Freiheitsanspruch des einzelnen verkürzt. Dabei wird die logisch damit verbundene Kehrseite der Medaille, die unbedingte Pflicht, das Recht der anderen auf Selbstbestimmung jederzeit voll zu würdigen, nur allzugerne vergessen. Wo die Selbstbestimmung von Menschen durch andere beschnitten wird, ist daher Zwang nicht nur möglich, sondern unvermeidbar.

In der aktuellen Diskussion rückt die relativ repressive New Yorker Polizeitaktik zur Eindämmung der Straßenkriminalität nachgerade automatisch in die Nähe einer konservativ-antiliberalen Position. Wer sich dafür interessiert oder positive Merkmale darin ausmacht - automatisch unmöglich ein Liberaler?

Die bei uns im Detail kaum bekannte, dafür um so schneller diskreditierte Strategie der zero tolerance gegenüber Gewalt (Intoleranz) ist wissenschaftlich relativ gut begründet - jedenfalls besser als so manches populistische, aber aus der Hüfte heraus durchgeführte großformatige Reglementierungsexperiment hierzulande. Nicht das deutsche Primat des Vorbehaltes gegenüber allem Neuen, sondern eine allgemeine liberale Offenheit, die (gelebte, nicht nur in Papierform erhältliche) Kultur der Meinungsfreiheit und -äußerung sowie das Recht auf Irrtum samt dessen unverblümter Korrektur scheinen überhaupt das Geheimrezept des Erfolgsmodells jenseits des Atlantiks zu sein.

Wie wir in Deutschland aus diversen Herbsten wissen, neigen ausgebremste Diskussionen dazu, schließlich auf der Straße geführt zu werden. Die so oft eingeforderten Beiträge von Querdenkern dürfen in einer "lebendigen Demokratie" daher keinesfalls abgeblockt werden, sobald sie geäußert werden - ein frommer Wunsch wohl leider in dem Lande, in dem schon die Parteiprogramme zunehmend der öffentlichen Meinung hinterherlaufen statt umgekehrt.

Jedenfalls scheint mir an unserer Diskussionskultur, die sich mit höchstem Eifer in bizarren Verregelungsfragen zur Rechtschreibung ergeht und fundamentale Verfassungsänderungen kaum kommentiert, doch - mit Verlaub - einiges faul zu sein.

Liberalismus tut sich schwer, wo politisch Inkorrektes traditionell einer reflektorischen Selbstkontrolle unterliegt und von Wahrheitsbesitzern mit nicht bewiesenen Argumenten selbstgefällig auf Stammtischniveau herabgewürdigt wird, noch bevor ein Diskurs überhaupt beginnen kann.

Zumindest in meinem süddeutschen Umfeld kann ich - wieder ein unangenehmes Thema - nicht nachvollziehen, daß "wir Ausländerdiskriminierung und Ausländerhaß", wie von allerlei Seiten andauernd behauptet, "nahezu täglich beobachten" können. Auch wenn der Aufschrei der intellektuell Betroffenen durchs Land hallt: Ich kann mich an kein einziges persönlich erlebtes Beispiel hierfür erinnern.