Einmal, erinnert sich Sven, war er nachts bei Hajo vorbeigegangen. Am hellerleuchteten Fenster erschien taumelnd Michael, den Oberkörper nackt, und hinter ihm breitschultrig Ruven mit dem strohblonden Hajo. Die beiden Freunde erzählten Sven, was er verpaßt hatte: Michael habe sich vorhin "eine Zitronenpresse in den Hintern" geschoben. Ob die beiden dabei "nachgeholfen hatten", konnte Sven später der Polizei nicht sagen. Ruven und Hajo hatten Michael "was gegeben, Koks mit Speedgemisch". Oliver war auch da. Ein bläßlicher, großer Junge mit weichen, ernsten Gesichtszügen, den sie Olli nannten.

Sie kannten sich alle von der Schule her. Mittlerweile waren sie junge Männer geworden, 21, 22 Jahre alt und ohne feste Arbeit. Bis auf Olli, der war Bankkaufmann bei der "Dresdner" in Hamburg und hatte manchmal "wunde Finger vom Geldzählen". Tagesgesamteinzahlungen zeitweilig bis zu 900 000 Mark, eingezahlt von Bauern, die zwischen später Nacht und frühem Morgengrauen ihr Obst und Gemüse auf dem nahe gelegenen Hamburger Großmarkt verkauft hatten.

Bauern aus den Vier- und Marschlanden, aus Kirchwerder. Zum Beispiel Ruvens Eltern. Auch in dieser Nacht, in der Ruven und Hajo von Michael etwas unterschrieben haben wollten.

Michael pumpte sich bei allen durch. Hajo und Ruven verlangten inzwischen 20 000 Mark von ihm. Er konnte nicht zahlen. Er ließ sich quälen. Bei den Liegestützen, die Sven zur allgemeinen Unterhaltung vorgeschlagen hatte, schlug Michael hart mit dem Kopf auf den Boden. Sie brüllten vor Lachen. Hajo filmte alles mit der Videokamera. Olli spielte den Moderator und kommentierte die Szenen. Auch wie Michael vorm Klobecken lag und kotzte. Dann wollte Michael nach Hause, und Ruven sagte, er könne ja mit seinem Auto fahren, aber da habe Hajo gesagt, das könne man nicht zulassen, das wäre doch wohl Mord.

Wurde davon niemand im Haus wach? In Kirchwerder war man längst wach. Wie jede Nacht von montags bis freitags wird das Land hinterm Elbdeich lebendig, wenn die Großstadt noch schläft. Die Karawane der Obst- und Gemüsebauern war Richtung Hamburger Großmarkt aufgebrochen und fort, als Ruven und Hajo hinter Olli den Süderquerweg entlangfuhren, um Michael nach Hause zu bringen. Danach vielleicht noch ins "Viva" oder "Miami"? Die Discos kleiner Vororte tragen immer große Namen.

Bei Tageslicht in der Mittagssonne ist der Süderquerweg ein sich endlos hinziehendes Straßendorf. Rechts wie links solide Einfamilienhäuser, eins neben dem anderen, gebaut in Phasen wirtschaftlichen Aufschwungs, wie an den Giebeln abzulesen ist: vor dem Ersten Weltkrieg, nach dem Regierungsantritt Hitlers, mit Beginn des Wirtschaftswunders. Vor jedem Haus ein in seiner Blüte akkurat gezähmter Vorgarten. Hinterm Haus die wirtschaftliche Grundlage dieser in zweiter und dritter Generation bestehenden Familienbetriebe, die Zukunftsperspektive ihrer Töchter und Söhne: langgestreckte Gemüseäcker und Treibhäuser.

Vier dieser Söhne stehen jetzt in Hamburg vor Gericht. Olli, Ruven, Hajo und Michael sowie der Kroate Goran, ein Freund von Ruven. Es geht um Bankraub in Tateinheit mit Mord, geschehen am 14. November 1996, abends, fünf Minuten vor Geschäftsschluß. "Der nette Herr Engel", so haben alle immer gesagt, Bankangestellter in der Filiale der Dresdner beim Großmarkt, Ollis guter Kollege, ist mit fünf Schüssen getötet worden. "Aus Habgier", klagt die Staatsanwaltschaft an und glaubt nachweisen zu können, daß Ruven, Olli, Goran und auch Hajo den Tod des 59jährigen Ewald Engel "zumindest billigend in Kauf" genommen hatten, um an "ihren Beuteanteil zu kommen". Michael habe zunächst bei der Planung des Bankraubes mitgemacht.