Als im April die drei Berliner Colloquien zum Holocaust-Mahnmal zu Ende gingen, schien nichts übrigzubleiben als Bitterkeit, Vorwürfe und Ratlosigkeit. Diejenigen, die das Projekt verwarfen, den Standort ablehnten oder das Recht der Täter bestritten, allein der jüdischen Opfer zu gedenken, fühlten sich von vornherein brüskiert. Schließlich hatten die Auslober deutlich gemacht, daß sie an der Tagesordnung festhalten würden. Teilnehmer verließen unter Protest den Saal, klagten die Frivolität und den Zynismus an, daß das Land der Täter die Trauer um die Opfer zum nationalen Ritual umwidmen wolle. Der Verdacht wurde eher bestärkt, hier solle zeitgleich mit dem Regierungsumzug auch das Gedenken bezugsfertig gemacht werden.

Dieser Verdacht liegt auch über dem zweiten Wettbewerb, dessen Ergebnisse in einer ersten Runde am vergangenen Wochenende gesichtet wurden. Die Findungskommission hat nun acht der neu eingeladenen Künstler ausgewählt, die am 14. und 15. November ihre Entwürfe präzisieren und dem Gremium vorstellen sollen. Daraus werden dann die Vorschläge für die Auslober entwickelt. Die Mitglieder der Findungskommission haben sich bislang an das vereinbarte Stillschweigen gehalten - was angesichts der bisherigen Geschichte von Unterstellungen und Indiskretionen keineswegs selbstverständlich ist. Aber es gibt Andeutungen, Hinweise auf einen gedämpften Optimismus, daß am Ende doch ein überzeugender Entwurf gefunden wird. Zu den Künstlern, die in die abschließende Runde kommen, gehören der Architekt Daniel Libeskind, der Erbauer des Jüdischen Museums, der Konzeptkünstler Jochen Gerz, die Bildhauer Dani Karavan und Richard Serra und der Maler Markus Lüpertz.

Hat es einen Umschwung gegeben? Auch wenn die Colloquien unversöhnlich endeten und kein sinnvolles Ergebnisprotokoll vorgelegt werden kann, haben sie dennoch etwas bewirkt. Am Ende wirkten die Verteidiger des Projektes offener, unsicherer, entwicklungsfähiger als die, die es bekämpften. Gewiß, die drei wichtigsten Fragen wurden oft nur indirekt und in schiefer Schlachtordnung behandelt. Die Kritik der Monumentalität der ersten Entwürfe fragte implizit nach den Maßstäben. Wie kann es Maßstäbe geben angesichts eines Verbrechens, das alle menschlichen Maßstäbe sprengt? Und dennoch bleibt die Frage. Dann die Frage nach der sogenannten Privilegierung nur einer Opfergruppe, der Juden: Ein Holocaust-Mahnmal für die jüdischen Opfer setzt im Grunde etwas voraus, was in den Colloquien nicht berührt wurde - einen Versöhnungsaspekt. Das Gedenken an die deutsche Täterschaft wird nicht als Geschlechterfluch gesehen. Ein solches Mahnmal ist nur denkbar, wenn es auf einer Geschichte zwischen Deutschen und Juden nach 1945 gründet, die Achtung verdient. Der letzte Streitpunkt: das Nationaldenkmal. Im dritten Colloquium gab es eine atmosphärische Wende, als James E. Young, der beste Kenner der Mahnmal-Geschichte, deutlich machte, daß alle Bitterkeit und Empörung in den Debatten keineswegs ein Zeichen für teutonische Zerrissenheit sei, sondern zum Thema gehöre. Er konnte frei über die nationale Bedeutung dieses Projektes reden: Die "deutsche Frage" dieses Denkmals sei, "die Last der Erinnerung auf die zu übertragen, die nach Erinnerung suchen. Im Herzen eines deutschen Denkmals wird eine Leere sein müssen, die durch den Künstler dargestellt werden muß." Die Rolle, die er der Kunst mithin zuweist, ist die, die sie immer hat: die der ästhetischen Versöhnung. Es scheint, daß James E.

Young auch der gute Geist des zweiten Anlaufs gewesen ist. In zehn Tagen wird sich zeigen, ob die Fragen, die von Colloquien verdrängt wurden, eine Antwort gefunden haben.