POTSDAM. - Sieben Jahre nach der Wiedervereinigung sprach der brandenburgische Ministerpräsident von einem "Riesendefizit", das die Deutschen im Osten in der "multikulturellen Begegnung" hätten. Aus der Schaumsprache ins normale Deutsch übersetzt, heißt das: Die Ossis sind fremdenfeindlicher als die Wessis. Das ist wahrlich keine neue Erkenntnis.

Wir erinnern uns an brennende Asylantheime, an das Feuer in der jüdischen Baracke von Sachsenhausen, an totgeschlagene und schwerverletzte Ausländer, haben Hakenkreuzschmierereien und Wallfahrten zu Soldatenfriedhöfen in Erinnerung. Da war der Einspruch des 400-Einwohner-Nestes Gollwitz gegen ein Heim für Aussiedler aus Osteuropa nicht gerade ein Ausreißer. Weil er Verständnis für die Gollwitzer geäußert hatte, dafür aber von jüdischen Persönlichkeiten kritisiert wurde, verwies Stolpe nun auf das "multikulturelle Defizit".

Der Fall Gollwitz hat wieder einmal offenbart, wie arm und verödet das geistige Umfeld in den Tiefen der politischen Kultur gerade auch Brandenburgs ist. Hier täuscht eine selbstbezogene Administrationselite, wohlgeübt in fälligen Betroffenheitsritualen, sich und die Umwelt immer wieder über die Tiefen hinweg. Im Hochgefühl des politischen Saubermanns fällte diesmal eine offensichtlich freischwebende Behörde die fachlich unglückliche Standortentscheidung Gollwitz. "Schaut her nach Brandenburg", sollte die Botschaft lauten, "wir mit unseren guten Beziehungen zur früheren Sowjetunion und mit unserer fritzischen Tradition, wir nehmen Juden aus Rußland gleich zusammen und in großer Zahl auf." In ihrer ehrlichen Einfalt brachten die nun betroffenen einheimischen Bürger, brave Brandenburger, zu Beschluß, was sich anderswo wegen der Bauernschläue altgedienter Kommunalpolitiker über den Stammtischen verflüchtigt hätte: das Veto gegen das Heim.

Wieder einmal war eine schöne Seifenblase der brandenburgischen Administration in der rauhen märkischen Luft zerplatzt. Der Ministerpräsident veranstaltete zur Ablenkung einen verbalen Salto mortale. Aber es wird auch diesmal keine neue Politik eingeleitet, deren Ziel eine Überwindung des Widerspruchs zwischen den Schaumträumen der Administration in Potsdam und der Status- und Fremdenangst der Menschen im Lande wäre. Statt dessen wurden Nebelkerzen geworfen. Die Kontrahenten Stolpe und Bubis erkannten sich nach einem Streitintermezzo als "Freunde" wieder und warten nun auf eine Einladung nach Gollwitz.

Mit Medienrummel, unter helleuchtenden Scheinwerfern, zwischen Kabelrollen und Handy-Gepiepse sollen die Gollwitzer zum ersten Male einen Juden kennenlernen und dann begreifen, daß sie gar nicht antisemitisch sind. Die Märker werden die Prozedur der Obrigkeit murrend über sich ergehen lassen.

Sie werden sogar das Heim bei sich dulden, weil sie ja nicht vor aller Welt als Antisemiten oder Neonazis dastehen wollen. Eine innere Offenheit zur "multikulturellen Begegnung" aber werden sie nach der PR-Aktion von Stolpe und Bubis nicht entwickeln. Anpassen werden sie sich, ducken und nicht mehr mucken. Und sie werden erahnen, daß ihre hohen Besucher damit leben können und sie fürderhin in Ruhe lassen.

Derweil können die Beobachter auf den nächsten Ausbruch von Fremdenfeindlichkeit warten. Die offizielle Politik wird sich gleichzeitig weiter in politischer Korrektheit üben, Gedenkstätten besuchen, den 9.