Am vergangenen Wochenende hat hierzulande die "digitale Zukunft" begonnen - schon zum zweiten Mal. Der Gütersloher Bertelsmann-Konzern und der Münchner Medienunternehmer Leo Kirch wollen gemeinsam mit ihrem Sender Premiere digital gemeinsam den neuen TV-Markt aufrollen. Ihre Hoffnung setzen die beiden Mediengiganten zunächst auf die bisherige Premiere-Kundschaft. 1,6 Millionen Abonnenten zählt der bisher einzige Pay-TV-Sender am deutschen Markt. Diesen Kunden wird angeboten, ihren analogen Decoder in die digitale d-Box umzutauschen - für den Start ein sehr wichtiges Kundenpotential. Statt nur ein Programm pro Kanal wie in der herkömmlichen analogen Technik erlaubt die Digitalisierung eine Vielzahl von Programmen.

Die beiden Digitalpioniere haben wichtige Verbündete gefunden. So unterstützt die Telekom als größte Kabeleignerin deren Technik und speist die vielen neuen Programme in ihre Kabel ein. Und nachdem bereits das ZDF seine Kooperationsbereitschaft signalisiert hat, reihen sich nun auch die ARD-Intendanten mit ein. Sie hatten sich noch "qualifizierte Mitsprache- und Mitwirkungsrechte" (WDR-Intendant Fritz Pleitgen) in einem Technischen Sachverständigenrat, der von ARD, ZDF, Bertelsmann, Kirch und Telekom gebildet wird, herausgehandelt.

Start frei also für die neue Fernsehwelt? Die Voraussetzungen scheinen besser zu sein als beim ersten Start in die Zukunft. Vor gut einem Jahr hatte Leo Kirch im Alleingang versucht, seinen Digitalsender DF 1 in den Markt zu drücken. Doch mit seinen überwiegend altbekannten Spielfilmen in den verschiedenen Digitalkanälen (darunter Filmpalast, Heimatkanal oder Herz & Co.) konnte er ebensowenig ein größeres Publikum ansprechen wie mit der Übertragung der Formel-1-Rennen, bei denen sich der Zuschauer die Kamerafahrt selbst aussuchen kann. Die Rennen werden sowieso live und kostenlos bei RTL gezeigt. Bis heute fanden sich bei DF 1, das einmal mit Premiere zusammengeführt werden soll, kaum mal 50 000 Abonnenten. Hinzu kam, daß potentiellen Kunden die neue Technik zu unsicher und zu teuer erschien.

Der Megabund, den Kirch fürs digitale Fernsehen in diesem Sommer mit Bertelsmann einging, war nicht freiwillig. Der Münchner Einzelkämpfer, der mit dem Filmhandel groß geworden ist und über die Privatsender Sat.1 und DSF verfügt, hatte alle Karten auf den zukünftigen Markt gesetzt und für viele Milliarden Mark Spielfilmrechte bei den Hollywood-Studios eingekauft.

Schließlich sicherte er sich noch die Rechte an den Fußballweltmeisterschaften 2002 und 2006 beim Fußballweltverband Fifa - gegen die horrende Summe von 3,4 Milliarden Mark. Ein bißchen viel auf einmal. Weil es galt, die Kräfte zu bündeln, wurden aus den lange verfeindeten Mediengiganten Bertelsmann und Kirch schließlich doch noch Partner.

Premiere digital lockt nun mit attraktiven Kinofilmen, die im Pay-per-view-Verfahren von den Kunden nach Belieben abgerufen und einzeln bezahlt werden müssen. Vor allem aber die Spiele der Champions League sollen die zuletzt stagnierende Zahl der Abonnenten puschen. Nachts kann sich die Kundschaft schließlich noch ins Erotik-Angebot einklinken. Monatlicher Abopreis: 59,80 Mark.

Freilich, grünes Licht haben die frisch Verbündeten noch nicht. Zwar haben bereits sechs Bundesländer, die in der Bundesrepublik für die Medienpolitik zuständig sind, ihr Plazet für die Einspeisung ins Kabel gegeben, darunter die einwohnerstarken Länder Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern. "Aber es fehlen noch zehn", freut sich Mathias Knothe, Rundfunkreferent der Kieler Landesregierung. Sein Land gehört dazu.