Zuviel kann auch zuwenig sein. In drei lang weilenden Stunden kann man am Burgtheater in Wien diese Erfahrung machen. Achim Freyer inszeniert Goldonis Komödie in drey Acten "Der Diener zweyer Herren" (1745/46).

Ja, Sie lesen richtig, Freyer, wieder sein eigener Bühnen- und Kostüm-Bildner, wählt bewußt die alte Übersetzung von Justus Heinrich Saal (Leipzig 1771), die er zusammen mit dem Dramaturgen Konrad Kuhn und Johannes Weigand kräftig aufmöbelt. So hören wir altertümelnd langsames ("Was treibet Ihr denn für eine Hantierung?") neben flottem Musical-Deutsch ("O bella Beatrice, du bist mein Leben, mein Sehnen, mein Glück), das die ein Hand-Mikrophon aus dem Kostüm nestelnden Darsteller zur Begleitung einer Vier-Mann-Combo in die heiligen Hallen röhren. (Die schön unaufdringliche Musik hat Franz Hummel komponiert.)

Nie entsteht aus solchem Kontrast mehr als Oberflächen-Reiz, kein Witz, keine Spannung, keine dramatische Wirkung. Eines der schnellsten Stücke der Dramen-Literatur, eine vor zweihundertfünfzig Jahren nur nach dem Handlungsmuster skizzierte Stegreif-Lustbarkeit, tritt in Wien auf der Stelle.

Achim Freyer verrät das ständig im fünften Gang schnurrende Komödien-Maschinchen an lauter "Einfälle". Wer ins Theater kommt, blickt auf eine leere Bühne. Eine aus drei verschiedenen Bett-Tüchern sorglos zusammengenähte Brecht-Gardine läßt auf rasante Szenenwechsel hoffen. Mit vergilbten Plastik-Schnüren bespannte, rostige Metallsessel, Kinderstühlchen aus Holz lassen freches Balancieren zwischen altem Text und Alltags-Gegenständen von heute erwarten.

Stürzt sich der Schauspieler-Dramatiker Goldoni gleich mit dem ersten Satz mitten ins Geschehen, in eine turbulente Verlobung, so verzögert Freyer das Tohuwabohu der wilden Verwechslungs-Narretei durch eine gemächlich-gemütliche Ouvertüre. Die Kammerzofe (Maria Happel) präsentiert sich als singende Seiltänzerin auf der Stahlschnur des halbhohen Vorhangs. Daß sie durch Seilzüge sichtbar gehalten wird, steigert nur ein Eröffnungswitzchen, zumal wenn sie mit riesiger Stange zwei Kerzen hoch oben anzündet, wo es nichts zu beleuchten gibt. Doch dann setzt sie sich, kramt eine riesige Fernbedienung aus der Tasche und schaltet einen Fernseh-Apparat ein. Dieser bescheidene Insider-Jux wird mehrmals wiederholt, für die meisten Zuschauer unverständlich. Wer nicht im Parkett sitzt, kann kaum ahnen, daß die Schauspieler auf einen - nicht sichtbaren - Fernseh-Schirm glotzen, wo offenbar Lustiges geschieht - oder doch nur auf ein Kontrollgerät, auf dem sie sich selber sehen?

Von der zehnten, elften Minute an ist die Inszenierung durch den Einfallsreichtum eines großen Theatermenschen gefährdet, dem offenbar niemand mehr kritische Fragen zuzumuten wagt.

Damit der sein Leben an lateinischen Spruchweisheiten ausrichtende Dottore (Heinz Schubert) mit dem hohen Gelehrtenhut unter der Spannschnur des Zwischenvorhangs durchstolzieren kann, hat er sich, witzig, einen Seilzug entwickelt, der ihm erlaubt, die Spitze bei Bedarf abzuknicken. Ein so praktischer Handwerker soll der lebensferne Gelehrte sein, der jede persönliche Aussage scheut und sich hinter pseudophilosophischen Maximen verschanzt?