Kaum etwas scheint die Deutschen derzeit so umzutreiben wie die Angst vor der ökonomischen Zukunft - zumindest wenn man dem Büchermarkt glauben darf.

Zahlreiche Autoren beschreiben nämlich in diesem Herbst nicht nur, wie die Gesellschaft anders - und damit meist schlimmer - zu werden droht, sondern sie nennen dafür immer häufiger auch denselben Grund: die Globalisierung.

Sozialabbau, steigende Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Einsparungen in den öffentlichen Haushalten: Alles scheint irgendwie mit der Internationalisierung der Märkte zusammenzuhängen die Globalisierung wird zur modernen Büchse der Pandora.

Während zunächst Ökonomen und Journalisten über das Phänomen schrieben, Definitionen wagten sowie düstere Schreckensszenarien eines entfesselten Kapitalismus entwarfen, hat nun die zweite Runde begonnen: Zunehmend denken jetzt auch Politiker nach, was Globalisierung bedeutet und wie mit ihr umgegangen werden könnte. "Im Joch des Profits" nennt Klaus von Dohnanyi, ehemaliger Erster Bürgermeister Hamburgs, seine Auseinandersetzung mit dem Thema - irreführenderweise. Denn hinter dem dramatisierenden Titel verbirgt sich ein angenehm unaufgeregtes Buch.

Dohnanyi läßt sich, in bester sozialdemokratischer Tradition, vor allem von einer Frage leiten: "Gibt es für die soziale Marktwirtschaft deutscher Prägung eine Chance, im Sturm der Veränderungen zu bestehen?" Die Antwort lautet, soviel gleich vorweg: Ja, aber. Dohnanyi hält den Sozialstaat zwar für dringend reformbedürftig. Doch er glaubt nicht nur an seine Reformierbarkeit, er beschreibt ihn sogar als "Stärke", und er sieht gute Chancen, daß die deutsche Gesellschaft auch in der "Welt des 21. Jahrhunderts als soziales Vorbild" bestehen kann.

Solch Optimismus mag in Zeiten der düsteren Standortdebatten zunächst überraschen. Doch Dohnanyi hätte nicht jahrzehntelang als sozialdemokratischer Politiker gearbeitet, glaubte er nicht an die segensreiche Wirkung von sozialer Politik. Lesenswert wird sein Buch daher auch nicht in erster Linie durch die optimistischen Prognosen, sondern durch deren Begründung. Der Autor argumentiert, daß Deutschland die Zukunft durch eine Rückbesinnung auf bestimmte Traditionen meistern könne. Damit unterscheidet er sich wohltuend von all den Politikern, die das Heil immer häufiger in der kritiklosen Kopie vermeintlich erfolgreicherer Nationen - zur Zeit vor allem der angelsächsischen - zu finden glauben.

In einer ausführlichen Rückschau beschreibt Dohnanyi, wie stark der Sozialstaat in der deutschen Tradition verwurzelt ist. Er begründet, warum sich die Deutschen in ihrer Mentalität und in ihrem Verhältnis zum Staat sehr von den Angelsachsen unterscheiden: "Das Gemeinwohl als Staatsaufgabe hat in Deutschland eine tiefe Tradition." Und er erklärt, wieso uns das heute mitunter zum Nachteil gereicht: "Dem Bedürfnis nach Konsens entspricht noch eine weitere, markant geprägte Kehrseite der deutschen Gesellschaft: der hohe Wert, der Sicherheit und Ordnung zugemessen wird. Dieses Element deutscher Mentalität führt dazu, daß Risiko- und Experimentierbereitschaft bei uns weniger deutlich ausgeprägt sind."