Als 1945 die ersten Verfahren gegen die Täter der Pogromnacht eingeleitet wurden, war man allseits bestrebt, für die Übergriffe allein die Schlägertrupps der Nazis verantwortlich zu machen. So ist es auch in der Chronik eines kleinen Ortes irgendwo im Nordwesten Deutschlands festgehalten: "Der Bürgermeister beginnt mit der Feststellung, daß am 9. 11. 38 infolge einer geplanten Aktion eine Reihe Volksgenossen jüdischer Konfession getötet, verletzt oder deren Eigentum zerstört worden sei. Es folgt der Satz, die Aktion sei in der Hauptsache von Mitgliedern der SA und SS durchgeführt worden. Ein Teil der Täter befinde sich noch in Kriegsgefangenschaft, ein anderer Teil sei zweifellos z. Z. noch in der Stadt." Das Signal zur unkontrollierten Verfolgung der jüdischen Bevölkerung, zur Zerstörung ihrer Geschäfte, Häuser und der Synagogen hatten jedoch ganz "normale Männer" verstanden, welche die staatlich legitimierte "Judenaktion" mit wildem Haß durchführten. Und auch die Nachbarn schauten zu, um sich kurze Zeit später zwar über die Vernichtung von Sachwerten zu echauffieren, selten aber über die Ermordung und Verhaftung ihrer Mitbürger.

Als das Buch "Mordverläufe", ein Protokoll der Pogromnacht in Hilden, vor über zwanzig Jahren erstmals erschien, hat es der Autor Manfred Franke noch vermieden, den Namen der Kleinstadt zu nennen. Franke wollte vor allem seinen Informanten schützen, der nach 1945 alle Vernehmungsprotokolle abgeschrieben hatte und der weiterhin dort unbehelligt leben wollte. Wahrscheinlich ist es auch, daß nur mit der Wahrung einer Anonymität die außergewöhnliche Situation in Hilden benannt werden konnte. Denn bei den Untersuchungen nach Kriegsende hatte der mit dem Fall befaßte Kriminalbeamte festgestellt, "daß in unserer Stadt weit über den Rahmen des im übrigen Reich Geschehenen hinausgegangen worden war". So erhielten die Beteiligten - Opfer wie Täter - andere Namen.

Inzwischen ist der Name des Ortes bekannt, in dem Franke als Achtjähriger die Pogromnacht erlebte.

Warum bei den Ausschreitungen gerade im damals etwas über 20 000 Einwohner zählenden Hilden über den Rahmen des Üblichen hinausgegangen worden war, warum neben der Zerstörung von Geschäften, Häusern und Wohnungen sechs Menschen starben, das untersucht Franke minutiös, indem er Protokolle, Verhöre, Zeugenaussagen und eigene Erinnerungen zu einer Collage zusammenfügt. Erst durch die Kontrastierung der Zitate, das Herausarbeiten der Widersprüchlichkeiten ergibt sich ein exaktes Bild jener Nacht, nach der nie wieder etwas so sein konnte wie zuvor. Damit wird einerseits diese Kleinstadt zum Mikrokosmos des "Dritten Reiches", in dem ein eingeschliffener Antisemitismus die Hemmschwelle herabsetzte andererseits bemüht sich Franke, mit Präzision das Besondere und die Faktoren für den ungewöhnlich eruptiven Gewaltausbruch herauszuarbeiten.

Daß "auch Nichthandeln Handeln" ist, dokumentiert der Autor anhand der Unterlassungssünden, die ebenso wie die Mörder zum Tod der sechs Menschen beigetragen haben: Menschen, die zuschauten und nichts unternahmen, Hausbesitzer, die sich mit dem Hinweis, ihr Haus werde nicht beschädigt, abwimmeln ließen, ein Arzt, der nicht zu den Verletzten ging, "weil ihm die Straßen zu unsicher" seien. Unter diesen Menschen könne man nicht mehr leben, war das Argument einer christlichen Haushälterin, die gemeinsam mit ihren verfolgten Arbeitgebern in jener Nacht Selbstmord verübte. Aber auch die seltenen Fälle von Zivilcourage, die als einsame Ausnahmen doch nur die allgemeine Gleichgültigkeit und Schadenfreude bestätigen, werden ausführlich behandelt. Es gab eben auch den Arzt, der trotz der "unsicheren Straßen" zu den Verletzten eilte, der sich trotz des massiven Drucks weigerte, einen Totenschein mit "natürlicher Todesursache" auszustellen. Es gab den Nachbarn, der ein bedrohtes Ehepaar in seiner Wohnung versteckte, während alle anderen ihre Türen verschlossen.

Und dennoch bleiben Jean Amérys Anmerkungen zu diesem beeindruckenden Buch noch immer gültig. Zwar verhehlt er nicht seine Bedenken gegen die "literarische Aufarbeitung" des Komplexes, doch steht zweifelsfrei für ihn fest: "Was nämlich aus den ,Mordverläufen' so erschreckend sichtbar wird und was vielleicht nur aus der Authentizität seine Überzeugungskraft gewinnt, das ist die Geschichte von der völligen Verlassenheit der Juden im Dritten Reich." Obwohl über zwanzig Jahre seit dem Erscheinen der "Mordverläufe" vergangen sind und die Historiker mittlerweile in ihrer Forschung eine Fülle von neuen Erkenntnissen gesammelt haben, bleibt Frankes Buch das beklemmende Zustandsbild einer Zeit, in der Mord von staatlicher Seite gebilligt wurde und die Mörder dieses Signal nur zu gut verstanden hatten.

Manfred Franke: Mordverläufe. 9./10. XI. 1938 Ein Protokoll von der Angst, von Mißhandlung und Tod, vom Auffinden der Spuren und deren Wiederentdeckung Rotbuch Verlag, Hamburg 1997 347 S., 42,- DM