Jede Gesellschaft hat und braucht Eliten. Kaum eine tut sich mit dieser Erkenntnis so schwer wie die deutsche. Der Hinweis auf das Versagen der Führungsschichten in zwei Weltkriegen und in der NS-Zeit genügt. Das Mißtrauen wird zusätzlich genährt von der Vorstellung, daß égalité und élite einander ausschließen zumindest in der westdeutschen Republik ist bis vor kurzem so gedacht worden, der undemokratische Sozialismus pflegte sehr wohl seine Kader.

Sein Führungspersonal in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft bildet dieses Land auf diskrete Weise, bewußt ohne Eliteanstalten. Wie groß war die Empörung, als 1983 in Witten/Herdecke die erste Privathochschule - mit hohem Anspruch an sich und ihre Studenten - gegründet wurde. Die Zeiten ändern sich. Ohne viel Aufsehen werden derzeit in Leipzig und Hamburg, Stuttgart und Karlsruhe neue Institute oder Universitäten for the best and the brightest, die besten und gescheitesten Köpfe, aufgebaut.

Gewiß, mancher Reformer sucht dabei aus der Finanznot eine Tugend zu machen.

Dem staatlich alimentierten Bildungswesen fehlt es am Geld, die Politik kann und will längst nicht mehr geradestehen für ihr altes Versprechen der Bildung für alle. Nach anglo-amerikanischem Vorbild sollen also die Studenten für den neuen Spitzenservice zahlen. Die neuen Institute setzen stark auf Managementschulung, aber Elitebildung darf sich auf keinen Fall darauf beschränken.

Das Pekuniäre allein erklärt den Wandel nicht. Die Suche nach neuen Mitteln richtet sich auf Geld und Geist. Eine große Ambition wird sichtbar, die eben noch verpönt war. Das Maß unserer Bildungseinrichtungen war allzu lange das Mittelmaß im Klassenzimmer wie im Hörsaal sollte Platz sein für die Gescheiten und vor allem die weniger Gescheiten. Das machte jahrzehntelang den Erfolg dieser Einrichtungen aus, wiewohl der Ehrgeiz, zu den Besten zu gehören, dabei nicht besonders befördert wurde. Wer solchen Ehrgeiz in der deutschen pädagogischen Provinz verspürte, der zog besser hinaus in die weite Welt, weg aus dem gemütlichen Mief der Alma mater (die leider, woran der Bundespräsident soeben erinnerte, die klügsten Köpfe der Welt kaum noch anzieht). Solche Abwanderung ist nichts anderes als eine anarchische Form der Elitebildung, die dem zahlungskräftigen einzelnen und teuren ausländischen Universitäten überlassen wird.

Das Mittelmaß ist nicht länger das Maß aller Dinge. Zu groß ist die allgemeine Verunsicherung, als daß nicht neu nachgedacht werden müßte. Zwar besuchen heute mehr junge Menschen eines Jahrgangs ein Gymnasium oder eine Hochschule als je zuvor. Der Preis dieses Erfolgs aber wird an den Rändern erkennbar, bei den Besten, die unterfordert, und bei den vielen, die überfordert sind. Kein Zufall, daß die Klage über Rechen- und Schreibschwächen mancher Schulabgänger im selben Augenblick laut wird wie der Ruf nach deutschen Eliteschulen. Auch das Mittelmaß, so stellt sich heraus, war nur eine Zurichtung für bestimmte gesellschaftliche Zwecke, lange recht brauchbar, aber heute von nachlassender Wirkung.

Jetzt endlich kann das Prinzip der Chancengleichheit ernst genommen werden.