DIE ZEIT: Herr Hüttl, in dieser Woche wird der chinesische Jangtse-Fluß umgeleitet, damit die Staumauer für den Drei-Schluchten-Damm hochgezogen werden kann, eines der größten Wasserkraftwerke der Welt. Warum ist das Projekt so umstritten?

ADOLF HÜTTL: Viele Menschen lehnen offenbar Wasserkraftwerke prinzipiell ab, insbesondere große. Ich finde das aus zwei Gründen sehr bedauerlich. Da hat man auf der einen Seite Angst vor dem Treibhauseffekt - und macht gleichzeitig auf der anderen Seite Stimmung gegen Wasserkraftwerke, die nun wirklich keine klimaschädlichen Treibhausgase emittieren. Und dann werden Großprojekte von manchen grundsätzlich als schädlich angesehen. Das erschwert die objektive Abwägung der Nutzen und Kosten, auch der sozialen, solcher Vorhaben. Größe allein ist weder gut noch schlecht.

ZEIT: Schon Mao träumte davon, "einen Steinwall in den Fluß zu setzen".

Siemens beteiligt sich mit der Lieferung von drei Generatoren im Wert von 125 Millionen Mark nun daran, Maos Traum zu verwirklichen. Fühlen Sie sich dabei wohl?

HÜTTL: Nicht erst Mao, sondern schon Sun Yatsen, der Gründer der chinesischen Republik, hatte 1919 das Projekt in Erwägung gezogen. Er sah darin bereits einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung der chinesischen Industrie. Und im übrigen: Das Drei-Schluchten-Kraftwerk wird zwar mit seiner elektrischen Leistung von 18 200 Megawatt weltweit an der Spitze stehen, keineswegs aber hinsichtlich der Größe des Bauwerkes. Bedenken Sie: China braucht Jahr für Jahr 15 000 Megawatt zusätzliche Kraftwerksleistung. Ich finde es richtig, daß China dabei nicht nur auf Kohlekraftwerke setzt.

ZEIT: Trotzdem ist das Projekt selbst innerhalb Chinas hoch umstritten.

Immerhin ein Drittel der Delegierten des Volkskongresses enthielt sich der Stimme, als das Vorhaben auf der Tagesordnung stand. Und die Journalistin Dai Qing beschreibt es in einem in China verbotenen Buch als "letztes Beispiel einer autoritären Politik".