Mit Scheitel und gewelltem Haar, kariertem Hemd und engem Jackett betritt der Moderator die Vorderbühne. In der Hand ein Mikrophon, die Finger keck gespreizt, auch in der Hüfte ist der Mann beweglich. "Meine Damen und Herren", schleimt er sich an sein Publikum heran, "herzlich willkommen an diesem schönen Abend. Musik bewegt die Herzen, Musik kann trösten, Musik kennt keine Grenzen. Schön, daß Sie bei uns sind. Bleiben Sie dran." So oder so ähnlich.

Ein zweiter Moderator betritt die Bühne. Hohe Stirn, markantes Kinn, weiße Stiefel, knarziger Baß. In der Hand ein Mikrophon, begrüßt er die Zuschauer auf englisch, reißt einen Witz. "Grüß euch Gott, alle miteinander", schmettert der Chor und schmettern die Solisten. Und sie schmettern und schmettern. Jeder Solist bekommt sein Solo. "Grüß euch Gott, alle miteinander." Schöne Musik kann so stumpfsinnig sein. Köstlich.

Was man schon immer über Musik und Theater, über Oper und Musik-Theater wissen wollte - Christoph Marthaler beantwortet es nicht. "The Unanswered Question" nennt der Schweizer Theatermacher, Regisseur und Musiker sein neuestes Werk: ein Stück, das als schrille TV-Unterhaltungsshow beginnt und als leises Trauerspiel endet. Anna Viebrock, Marthalers kongeniale Bühnenbildnerin in den meisten seiner Stücke, zeigt im Basler Theater keine Fernseh-Glitzerwelt, sondern die triste Atmosphäre beim Auftritt eines Gesangsvereins in der Provinz. An den drei Seiten der Bühne sitzen neun Gesangssolisten jeweils an einem Tisch. Man trägt enge beigefarbene Rollkragenpullover, knitterfreie Trevira-Hosen, Strickwesten und Rock mit Blümchenmuster. Rechts zwei Heizkörper, die Wände sind ockergelb und knapp über dem Boden grau gestrichen. Der Holzboden ist ramponiert, im Bühnenhintergrund ragt eine kleine Bühne empor. Darauf versammelt, in Reih und Glied und festlich angezogen, die Choristen. Dahinter ein schwerer Vorhang in ewigem Faltenwurf. "Grüß euch Gott, alle miteinander."

Die beiden Moderatoren kündigen das Programm an: die schönsten Stellen aus den schönsten Opern, Operetten und Musicals. Achtung, Klassik, keine Angst! -

Und der Applaus kommt vom Band. Dann treten die Herren und Damen Solisten einzeln in die Bühnenmitte. Der Tenor zum Beispiel (Herr Homberger heißt er - im Theater wie im wirklichen Leben) in taubenblauem Anzug und mit baumelnder Herrenhandtasche am Handgelenk. Er singt voller Inbrunst "Heute nacht oder nie" und sieht dabei so leidenschaftslos aus, der armselige Kleinbürger. Das Opernpublikum jauchzt.

Artig kehren die Solisten, sobald sie ihre Opern-Highlights gesungen haben, an ihren Platz zurück. Dort erwachen sie zu ihrem eigentlichen Leben und kultivieren ihre Marotten. Zum Beispiel zur Linken die Sopranistin (Frau Swanson heißt sie - im Theater wie im wirklichen Leben). Sie kramt in einer ihrer vielen Handtaschen, poliert ihren Tisch, versprüht Desinfektionsspray.

Ein Tänzer (Herr Stache) tanzt quer über die Bühne auf die Sopranistin zu und versucht ihr zu imponieren. Sie läßt ihn abblitzen, er geht beleidigt zurück und zupft, bevor er sich wieder setzt, mit einer kleinen Bewegung seinen engen Pullover zurecht, der bei der Balletteinlage verrutscht war. Die Szenen wiederholen sich mit immer neuer schöner Musik. Man weiß, was kommt, man freut sich - auch beim nächsten Auftritt zupft sich der Tänzer mit einer kleinen Bewegung seinen engen Pullover zurecht. Zusammen mit dem Dirigenten Jürg Henneberger hat Christoph Marthaler das Stück fulminant montiert. Die Moderatoren kalauern auf Teufel komm raus (der englische Moderator Graham F.