Ich könnte Ihnen jetzt sagen, daß von allen Bevölkerungsgruppen in den Vereinigten Staaten männliche Schwarze die geringste Lebenserwartung haben, daß ihre Arbeitslosenquote doppelt so hoch liegt wie bei männlichen Weißen und daß ungefähr jeder vierte Schwarze der Zwanzig- bis Neunundzwanzigjährigen hinter Gittern sitzt. Ich könnte Ihnen das alles sagen und noch ein bißchen mehr, aber Sie wissen das wahrscheinlich schon.

Die Geschichte der Schwarzen in den Vereinigten Staaten ist die große Wunde Amerikas, und sie wird sich wohl noch lange nicht schließen. Der berühmte melting pot hat für die Schwarzen als Gruppe nicht - oder kaum - funktioniert. Und warum? Ich habe nur eine Erklärung dafür: Die Schwarzen sind in Gottes eigenes Land nicht eingewandert, sie sind als Sklaven importiert worden, und dieser rechtlose Status haftet ihnen immer noch an.

Sie sind als einzige Gruppe des Landes dauerhaft diskriminiert worden (während die Indianer systematisch dezimiert, in Reservate gesteckt, unter Alkohol gesetzt und einfach vergessen worden sind), und das bedeutet: Sie sind massiv an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden und oft über den Rand hinaus - in die Gefängnisse.

Henry Louis Gates, der 1950 in West Virginia geboren ist und heute das Institut für afroamerikanische Studien an der Universität Harvard leitet, erzählt uns in seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen eine andere Geschichte. Es ist die Geschichte einer fast normalen Kindheit in den Jahren der Segregation: Schwarze konnten zwar in den fünfziger Jahren nicht in Restaurants essen gehen oder in Hotels übernachten, sie durften bestimmte Toiletten nicht benutzen und beim Einkaufen keine Kleider anprobieren, und noch bis in die siebziger Jahre durften sie keine Grundstücke besitzen, aber man kann diese Dinge schon unterlaufen, wenigstens moralisch und emotional: Wir wollen ja gar nicht in die Restaurants der Weiß en, weil die Weißen nicht kochen können.

Gates - das ist einer der sympathischen Züge an diesem Buch - ist ein Lokalpatriot. Er mag die kleine Stadt Piedmont, in der er geboren wurde. Sie ist für ihn so etwas wie die schönste Stadt der Welt, und wer im Paradies lebt, der soll auch nie weg: "Mehr als zwei Jahre braucht kein Mensch von Piedmont wegzusein, sagt man - allerhöchstens drei. Sogar in der Army behielten sie einen schließlich bloß drei Jahre." Und er liebt die Familie, aus der er kommt. Seine Mutter hat offensichtlich häufig Grabreden gehalten, bei denen die Toten immer sehr gut weggekommen sind. "Sie sah", schreibt der Sohn heute, "was die Menschen in ihrem Innersten hatten werden wollen, nicht was diese Welt aus ihnen gemacht hatte. Sie wußte, wie übermäßig viel harte Arbeit für ein paar lumpige Dollars einen kalt und herzlos machen und einem den letzten Funken Lebensfreude rauben konnte." Das ist Saint-Exupérys kleiner Prinz in der Bleifassung, und die Übersetzerin hängt noch ein paar Bleigewichte dran: "Sie gedachte dem, was man sich erhofft, nicht dem, was man erreicht hatte."

Henry Louis Gates ist leider ein ziemlich schwerfälliger Schriftsteller, der so gerade noch die unteren Register der amerikanischen Humormaschine bedienen kann: "Helms war einer von Daddys Kollegen, der mit dem größten Mundwerk, wenn er betrunken war - und nüchtern habe ich ihn eigentlich nie gesehen."

Der Spiegel-Journalist Matthias Matussek bezeichnet Gates in dem phrasenreichsten Vorwort, das ich seit langem gelesen habe, als "begnadeten Erzähler" und als "Dichter". Ich weiß nicht, was ihn dazu getrieben hat.