Ein alter Mann steht kurz vor seiner Hinrichtung. Er hat, wie schon oft, Leichen ausgegraben und sie gegessen. Er zeigt keine Reue, macht aber sarkastisch darauf aufmerksam, daß er nur nicht wiederverwendbares Gut verwerte. Früher schon hat der Mann in der Erde gewühlt: Er hat Kohle gefördert in nordfranzösischen Bergwerken. Dreckig ging es ihm dort, aber jegliche Exilantennorm mißachtend - der Mann ist ein Immigrant aus dem ehemaligen französischen Protektorat Marokko -, hat er sich nie nach der Sonne zurückgesehnt, weil er eine "innere Wärme" empfing, als er unmäßig trank: "Noch immer liebe ich die gespenstischen Stollen von Kohlebergwerken, die Staublungen, die schlecht verlegten Schienen, den ächzenden Lastenaufzug und das Kreischen schlecht geölter Eisenteile." Schnoddrig verweigert sich der namenlose Ich-Erzähler dem Gesetz der Familie. So einer schickt nie Geld nach Hause: "Papi und Mami können ruhig krepieren, sagte ich mir, die Spitzhacke schwingend."

Man kann existentielle Themen wie Hunger und Unterdrückung in einem literarischen Text organisieren, ohne die Gefahr einer verharmlosenden Verwandlung in einen mühseligen Sozialrealismus heraufzubeschwören. Der vor zwei Jahren verstorbene Mohammed Khair-Eddine, 1941 in der südmarokkanischen Berberstadt Tafraout geboren, unterläuft in seinem exzentrischen Roman "Der Ausgräber" jede rührselige Erwartung: Gerade durch die Verwandlung realen Entsetzens in die komplexe Struktur einer Übertreibung, die nicht das Erdulden darstellt, sondern ohne Umschweife die Reaktion, erhält die Wirklichkeit bei Khair-Eddine den ihr innewohnenden Skandal zurück. Sich selber gern zum "poète maudit" stilisierend, ohne Geld und ohne soziale oder mythologische Sicherheit, als Enkel seiner nomadischen Vorfahren auf den Spuren von Lautréamont und Rimbaud unterwegs, war Khair-Eddine, der hauptsächlich Lyriker blieb, unfähig, palavernde Romane zu schreiben.

Schon sein Erstling "Agadir" erregte Aufsehen. Darin übertrug er das Erdbeben, das die Küstenstadt in den sechziger Jahren zerstörte, in die Form des Romans: als Sprengung der Gattungsgrenzen. Nie hat man das Gefühl, dem landeskundlichen Pflichtprogramm zu folgen, das bei Autoren der Dritten Welt noch immer vermutet wird. Die "Schönheit" bei Khair-Eddine, so Tahar Ben Jelloun in seinem Nachruf in Le Monde, "das ist die brutale Kraft der Wörter". Es ist seine Ästhetik der Abwehr, der Khair-Eddine als Schriftsteller interessant macht.

Szenenwechsel: Ein Einfamilienhaus in Mainz-Gonsenheim. Nun gibt es in Gonsenheim fast nur Einfamilienhäuser, und auch der Name Donata Kinzelbach deutet nicht auf eine Verbindung zu den ehemaligen nordafrikanischen Kolonien Frankreichs hin. Aber hier ist Mohammed Khair-Eddine in Deutschland zu Hause und mit ihm ein wachsender Teil des literarischen Maghreb. Zusammen mit dem Zürcher Unionsverlag und der Edition Orient in Meerbusch sorgt seit elf Jahren ein Einfrauverlag dafür, daß deutschsprachige Leserinnen und Leser, so sie denn wollen, eine (franko-) arabische Alternative haben zum eurozentrischen Einerlei, das ihnen von vielen deutschen Verlagshäusern vorgesetzt wird. Aber das ist natürlich übertrieben ...

Wie kommt man zu einem Verlag mit maghrebinischer Literatur? Donata Kinzelbach, die in der Eifel geborene Tochter eines begeisterten Studienrats für klassische Sprachen ("Es ging so weit, daß wir zu Hause lateinisch redeten") arbeitete nach einem Komparatistikstudium in Mainz Anfang der achtziger Jahre als Arzthelferin in der Praxis ihres damaligen Mannes. Damals trat für Ärzte eine neue Gebührenordnung in Kraft. Die Literaturwissenschaftlerin verfaßte einen "Kommentar" dazu: "Alle haben damals gesagt, du spinnst." Doch das Werklein bescherte ihr mit 60 000 Mark Reingewinn einen Grundstein für verlegeriche Taten. "Heißen Sie nicht Donata?" Kurz nach ihrem Erfolg begegnete Donata Kinzelbach in der Mainzer Fußgängerzone einem ehemaligen Dozenten. Er erzählte ihr, er habe den französisch verfaßten Lebensbericht einer 1882 geborenen Berberin entdeckt: Thomas Bleicher wollte "L'histoire de ma vie" von Fadhma Amrouche übersetzen und suche einen Verlag dafür. Die ehemalige Studentin sagte zum Dozenten: "Den habe ich." "Die Geschichte meines Lebens" wurde Donata Kinzelbachs erstes richtiges Buch. Läßt Mohammed Khair-Eddine einen Exemigranten sprechen, der sich schon auf der zweiten Seite als bad guy zu erkennen gibt: "Ich bin ein Typ, der andere nicht erträgt", entwirft der 1950 geborene Abdelhak Serhane, ebenfalls aus Marokko, in "Sonne der Finsternis" modellhaft die Situation einer angepaßten Jugend vor der Emigration - eine Jugend, die den Protagonisten in den Wahnsinn treibt. Der fünfzehnjährige Soltan erlebt jene Strukturen, die Khair-Eddines Ich-Erzähler denunziert. Gerade als der Junge die Hoffnungslosigkeit in der Einöde satt hat, fühlt sich Soltans Mutter alt und denkt: Man könnte den Sohn verheiraten, dann bliebe er da. Die Mutter sagt es dem Vater. Der ist unentschieden, aber einverstanden. Also ist die Sache im Grunde beschlossen, weil Soltan noch gar nicht weiß, wie man widerspricht. Man hat auch schon eine Braut für ihn, die dreizehnjährige Mina. Und die Dinge sind, wie sie sind.

"Die Dinge sind, was sie sind. Die Dinge sind, wie sie sind. Auch der Hund hat seinen Platz in der Gesellschaft. Ich weigere mich, diesen Platz einzunehmen. Ich verweigere mich diesem Schlamm und Morast. Dem Schweigen vor allem. Sollte man mich vor die Wahl stellen zwischen der Schlammsuhle, den Menschen und der Sprache, dann wählte ich die Schrift, sie allein und gegen alle Widerstände. Denn mein Platz liegt in den Wörtern, irgendwo zwischen den Zeichen und ein paar Träumen."

In "Sonne der Finsternis" überträgt Serhane dieses pathetische Motto in einen sinnlichen psychologischen Realismus, der die Unbeweglichkeit der Luft so gut beschreibt wie das mutlose Zweifeln einer Figur. Er zeigt, daß die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen. Das idyllische Antlitz eines Dorfs - "ein Fremder" würde "nichts anderes sehen als eine solidarische Gemeinschaft, die zusammengehalten wird von den Banden des Blutes und der Religion" - wird von Serhane, der auch Psychiater ist, radikal entzaubert: Im Kostüm einer traditionellen Dorferzählung bereitet sich ein Alptraum vor, der in der blutigen Hochzeitsnacht einen ersten Höhepunkt findet. Der exotische Hochzeitsritus wird, im Gegensatz zu Khair-Eddines Text, erst zitiert, dann verworfen. Nicht, weil die Rituale ausschließlich Ausdruck eines Warenspiels wären: Sie haben in der Langeweile des Dorfs nebenbei die schlichte Funktion, ein Ereignis zu erzeugen. Da aber jedes Ritual die alte Ordnung bestätigt, tragen gerade die Ereignisse zur Stabilisierung bei. Die Dinge sind, wie sie sind. "Ein unheiliger Wind blies unseren Himmel wieder rein (...), unsere Hoffnung verfiel zu Staub".