Der alte Fuchs hatte diesmal nicht aufgepaßt. Pat Robertson wähnte sich unter Vertrauten, alles zuverlässige Mitglieder seiner Christenvereinigung, der Christian Coalition. Er sprach, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Zuvor hatte er ein bißchen gewitzelt, war gar nicht so salbungsvoll wie sonst in seinen Fernsehpredigten: "Wenn hier Presseleute sind - würden Sie sich bitte selber erschießen. Verschwinden Sie." Er war sich aber sicher, daß keine da waren. Alles, was er diesmal zu sagen hatte, sollte, wie er sich ausdrückte, "im Kreis der Familie" bleiben.

An die hundert Leute zählte die Familie an diesem Tag, alles Delegierte der einflußreichen Koalition, die aus dem ganzen Lande nach Atlanta gekommen waren. Einmal in seiner vierzigminütigen Rede nannte Robertson sie "radikale Weggefährten", die, wie er, dabei sind, "auf gefährliche Weise die etablierte Ordnung zu zerstören und die Macht den Liberalen zu entreißen, um sie denen zu übergeben, die das Land lieben".

Nirgendwo sonst auf der Welt wird das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat so strikt hochgehalten wie in den Vereinigten Staaten von Amerika. Das Schulgebet ist vom höchsten Gericht, dem Supreme Court, schon vor langem untersagt worden. Der Gedanke, daß der Staat, wie in Deutschland, für die Kirchen Steuern einzöge, ist unerhört.

In einem sind allerdings Staat und Kirche in Amerika institutionell miteinander verzahnt. Per Steuerrecht regelt der Staat, welche Glaubensgemeinschaften als Kirchen anerkannt werden und welche nicht. Dies tut, genauer gesagt, die Steuerbehörde Internal Revenue Service. Sie kann nach eigenem Ermessen einer Glaubensgemeinschaft die Steuerfreiheit zubilligen - und auch wieder aberkennen. Die Befreiung von der Steuer ist sozusagen die staatliche Weihe für eine Religionsgemeinschaft.

Sind sie aber einmal anerkannt, genießen die Kirchen nahezu grenzenlose Freiheiten. Solange sie nicht gegen das Strafrecht verstoßen, können sie anbeten, wen oder was sie wollen. Und wie sie wollen. Hunderte verschiedener Sekten sind als Kirchen akzeptiert. Und trotz des grundsätzlichen Trennungsgebots gewinnen sie immer mehr an Einfluß auf Staat und Gesellschaft - vor allem wegen des Rückzugs des Staats von seinen sozialen Aufgaben.

Ende Oktober erst kamen Hunderttausende fundamentalchristliche Männer als Promise Keepers zur größten Demonstration zusammen, die Washington je gesehen hat. Auch die jahrzehntelang belächelten Mormonen entfalten neuerdings überraschende Anziehungskraft. Allenthalben wachsen religiöse Splittergruppen zu kräftigen Graswurzelorganisationen heran.

Das größte politische Gewicht hat aber die Christian Coalition. Die Washington Post schätzt die Mitgliederschaft der Verbindung auf zwei Millionen und den Jahresetat auf 26 Millionen Dollar. Der Vorsitzende Pat Robertson hatte an jenem Sonnabend im September gute Gründe, darauf zu achten, daß seine Rede nicht an die Öffentlichkeit kam. Seine Koalition wird von der Steuerbehörde als Religionsgemeinschaft anerkannt. Jetzt, in diesen Monaten aber, ermitteln Steuerprüfer, ob die unverhohlene politische Ausrichtung der Christian Coalition - die Parteinahme für die Republikaner und die Einmischung in die Kandidatenauswahl - ihren Status als Glaubensgemeinschaft nicht in Frage stellen. Doch Robertson wähnte sich so sicher vor Beobachtern, daß er auch noch über die Steuerfahnder lästerte: "Für die Buchprüfung haben sie uns so eine dicke Walküre von Frau geschickt ...