Los Angeles Wohin die Reise mit Jiang Zemin gehen würde, daran bestand kein Zweifel: Das Mekka des Kapitalismus war unser Ziel. Willkommen aber hieß man uns dort nicht. Da standen wir also auf der Wall Street, wo Chinas KP-Chef gleich das Börsengeschäft eröffnen sollte, und keiner öffnete die Tür. Wir, das waren zu diesem Anlaß zwanzig Journalisten, achtzehn Chinesen und zwei Westler, die zum ersten Mal den Präsidenten Chinas auf eine Reise begleiten durften.

Geführt wurden wir von einem chinesischen Diplomaten. Der redete heftig auf den FBI-Beamten ein, plusterte sich und spielte mit der harten Mimik eines Mandarins. In Peking bewegt das Welten. Das offizielle Pressekorps des chinesischen Präsidenten erhielt an der New Yorker Börse keinen Einlaß.

Nun waren wir an diesem Morgen nicht allein auf der Wall Street: Eine Hundertschaft Demonstranten hatte ihre Lautsprecher wirkungsvoll zwischen den Wolkenkratzern postiert. "Schande, Schande, China, Schande", hallte es in den Ohren unserer Kollegen, unter ihnen so berühmte Persönlichkeiten wie die Starmoderatorin des Ersten Chinesischen Fernsehens und der Chefkommentator der Volkszeitung.

Die Medienstars der aufstrebenden Supermacht zogen ihre Köpfe ein und murmelten etwas von der Arroganz der Amerikaner. Im gleichen Moment besannen sie sich auf Besseres und begannen vor dem verriegelten Börsentor Erinnerungsphotos zu knipsen. Denn wer weiß, wann man wiederkommt?

Zehn Tage lang ging das so mit den Chinesen in Amerika: Von Harvard bis Hollywood wollten die Pekinger Gäste stets nur die besten Adressen ansteuern und merkten irgendwann doch, wenn sie über das Ziel hinausschossen. Dann ließ sich wieder ganz gut miteinander reden. Schließlich unternahm man im bevorzugten Kreis eine halbe Weltreise, von Hawaii über Washington, New York und Boston bis zurück nach Los Angeles. Die meisten Beamten und Journalisten aus Peking, die vom Westen noch nicht viel gesehen hatten, waren einfach glücklich, dabeizusein.

Geplagt von Müdigkeit und fehlenden Sprachkenntnissen, mußten sich die Chinesen allerdings anstrengen, um den Amerikanern "gleichwertige Partner" zu sein, wie es jetzt in der Pekinger Regierungssprache so schön heißt. Das mußte schiefgehen. Stellten wir Westler unseren chinesischen Kollegen während der Reise Fragen, dann stotterten und stammelten sie, weil die Angst vor falschen Worten immer noch größer war als das vielzitierte chinesische Selbstbewußtsein. Nicht einmal zum gemeinsamen Gelage reichte der Mut.

Amerika schüchterte sie ein.