Eine schwarze Umhängetasche mit dem gelben Aufdruck Cat, daneben eine olivgrüne Jacke mit dem Schriftzug American All Stars USA, dahinter eine Frau, auf deren Schuhen Cliff steht, auf dem schwarzen Kurzmantel Sequoia, auf ihrer Plastiktüte Eduscho. Rechts davon eine mauvefarbene Jacke mit der eingestickten Parole L'Aggression 2000 und einem nicht weniger kryptischen Emblem, auf den Schuhen der eingenähte Stoffstreifen von Puratex.

Nur die Rücken sind zu sehen, nicht, was auf den Hemden und Pullovern stehen mag, auf Unterwäsche und Uhren, Portemonnaies und Schlüsselanhängern. Es sind nicht einmal zehn Quadratmeter eines Bahnsteigs in Schwerte, auf dem sich das alles versammelt, eine reiche Ausbeute. Doch fällt sie nur auf, weil die wartende Menge durchsetzt ist von Mützen, Schals und Jacken im Gelb-Schwarz von Borussia Dortmund, der Farbigkeit von Bienen und Wespen also, die man instinktiv als Alarmzeichen wahrnimmt.

Unter ihnen ein reisemüder Herr, dessen leicht verschossener Staubmantel den Hersteller nur mit einer Innenmarke verrät, die aus dem Jackett bereits entfernt ist. Die in Politik, Wirtschaft und Kultur inzwischen allgegenwärtige Brille trägt er in der einzigen Fassung, der die Designermarke nur eingeprägt ist und damit unlesbar bleibt. Der Cordhose hat er ihr Etikett schon aus einer gewissen Qualitätsenttäuschung abgenommen, seine Schuhe schweigen sich, anders als die Socken, sogar unter der Sohle aus.

Eine erkaufte Identität auch diese, aber ihre Markierungsleere ist ein unauffälliges Privileg: Wenn man sich schon darüber aufregt, daß inzwischen jeder zweite Kultur-Event von Sponsorenlogos bepflastert wird, vom Sport ganz zu schweigen, dann möchte man ja selber auch nicht als beschrifteter Mensch herumlaufen. So steht er also unlesbar herum, allein die Krawatte ist seine Marke in diesem Minuten-Milieu. Zurückhaltung in Zeichendingen war ihm bislang typisch für das Soziotop erschienen, an dem er sich orientierte Geschmack erkannte er daran, daß selbst das prominente Krokodil vom Piquéshirt entfernt wurde, was immerhin rund fünf Minuten konzentrierter Feinarbeit verlangt.

Doch tags zuvor saß er im Bordrestaurant des IC einem teuren Anzug gegenüber, dessen feiner Stoff die Fingerprobe geradezu herausforderte. Am Ärmelrand prangte ein aufgenähtes Herstelleretikett, das man offenbar neuerdings beim Kauf nicht mehr entfernt, sondern mit sich herumträgt, beim Händedruck entgegenreckt und beim Uhrablesen exponiert. Unterhalb des Maßanzugs existiert also eine neue Form des Snobismus, die den Beobachter vom gleichen Vorwurf entlastet: Auch die eleganteren Zeitgenossen laufen inzwischen herum wie gesponsert, obwohl sie alles brav bezahlt haben. Am Anfang des Jahrhunderts wurden sogenannte Sandwichmen dafür entlohnt, mit Schildern vor Brust und Rücken als lebende Werbeträger die Boulevards auf und ab zu wandern heute dient der Kunde der Konsumgüterindustrie zum gleichen Zweck freiwillig an allen Orten, selbst den intimen.

Als der einfahrende Zug die Menge aufrührt, kommt eine Tasche vorbei, die kundtut, daß ihre Besitzerin in Disneyland Paris war, jede Menge adidas geht durch, Goretex und mit Wappen geschmückte Baseballkappen ein kompliziertes, offenbar irisches Totem läßt sich auf der Rückseite einer Wolljacke nicht schnell genug entziffern. Im überfüllten Zug stellt sich heraus, daß die BVB-Embleme von der Bundesbahn offenbar als Übergang zur ersten Klasse toleriert werden im Sitzen enthüllt sich, daß selbst Sockenschäfte als Medien für Herstellermarken taugen.

An der Haltestelle Dortmund-Westfalenhalle verlassen die BVB-Markierten den schlagartig leeren Zug und eilen dem Stadion entgegen, vor dem das übliche Polizeiaufgebot darauf wartet, sie von der feindlichen Zeichenmenge fernzuhalten. Fast zwei Stunden wird die populäre Konfrontation in Anspruch nehmen, in der geklärt wird, welche Marke anschließend verhöhnt werden darf.