Mit Milliarden gegen Filz und Pfründen – Seite 1

Kein Zutritt!" warnten die Schilder vor dem Gebäude. Zornig rüttelten Kunden und Angestellte am Montag an den verrammelten Toren der Bank Harapan Santosa (BHS) in Jakarta. Doch an diesem Morgen gab es hier kein Geld zu holen.

Die BHS gehört zu sechzehn Geldinstituten mit über zweihundert Filialen in Indonesien, die seit dem Wochenende nach einer Order der Regierung ihre Schalter nicht mehr öffnen dürfen. Sie seien "so insolvent, daß sie das Geschäftsleben gefährden, das gesamte Bankensystem stören und den Interessen der Gesellschaft schaden", erklärte Finanzminister Mar'ie Muhammad.

Um eine Panik zu verhindern versprach er den Kleinsparern, Guthaben bis zu 5700 Dollar zu ersetzen. Die entlassenen Angestellten sollen drei Monatslöhne als Abfindung erhalten.

Der Schlag gegen die maroden Banken war die erste Gegenleistung Jakartas für den Riesenkredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Höhe von 33 Milliarden Dollar, der Indonesien vor der Pleite retten soll. Davon bringen der IWF, die Weltbank, die Asiatische Entwicklungsbank und einige Regierungen 23 Milliarden Dollar auf. Je fünf Milliarden kommen aus Japan und Singapur.

Nach Mexiko, das 1995 50 Milliarden Dollar erhielt, ist dies die größte Hilfsaktion in der Geschichte des IWF.

Während Aktienkurse und Rupiah in den Keller stürzten, hatten die IWF-Banker mit den indonesischen Politikern wochenlang verbissen über die Bedingungen für den Kredit verhandelt. Das Ergebnis ist schmerzhaft: Jakarta muß in Zukunft kräftig sparen und seine Wirtschaft öffnen.

Die Krise, die seit dem Sommer von Bangkok aus auf ganz Südostasien und zuletzt auch auf die Aktienmärkte in den USA und Europa übergegriffen hat, brachte höchst unangenehme Wahrheiten ans Tageslicht: Das riesige Inselreich finanzierte sein enormes Wachstum von durchschnittlich sieben Prozent in den vergangenen zehn Jahren vor allem auf Pump.

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Indonesische Banker und Unternehmer borgten sich sorglos billiges Geld, das ihnen amerikanische oder europäische Anleger geradezu aufdrängten. Allein in den nächsten sechs Monaten müssen sie bis zu 15 Milliarden Dollar zurückzahlen, schätzen Experten der Zentralbank.

Im März, errechnete die Bank of International Settlements, hatten private Firmen rund 56 Milliarden Dollar Schulden im Ausland. Andere Fachleute halten diese Zahl für untertrieben: Sie kommen auf 80 Milliarden Dollar. Weil die Rupiah gegenüber dem Dollar über vierzig Prozent an Wert verlor, müssen die Indonesier nun viel mehr als erwartet zurückzahlen. Viele der 240 indonesischen Banken und Finanzinstitute verliehen bedenkenlos enorme Summen an den Immobiliensektor. Doch inzwischen stehen viele Bürogebäude leer, Käufer können die Raten für ihre Wohnungen nicht mehr zahlen.

Die allgegenwärtige Korruption und der Filz zwischen Regierungspolitikern und der Wirtschaftselite verhinderten eine effektive Kontrolle der Geldhäuser.

Wer wagte es schon, einflußreiche Unternehmer nach ihren Sicherheiten zu fragen - vor allem, wenn sie gute Beziehungen zur Familie von Präsident Suharto hatten? Aber auch der Clan des autoritären Herrschers bekommt nun die Folgen der Wirtschaftskrise zu spüren. Die Peitsche des IWF trifft auch Verwandte und Geschäftsfreunde der Familie, die sich in den vergangenen Jahren dank der Protektion Suhartos gesundstoßen durften.

Mehrere der nun geschlossenen Banken sind zum Beispiel eng mit der Familie Suhartos verbunden.

Die Bank Jakarta beispielsweise gehört dem Halbbruder des Staatschefs, an der Bank Andromeda ist Suhartos zweitältester Sohn Bambang beteiligt, Tochter Titik besitzt die Bank Industri. Ibnu Sutowo, ein pensionierter General und enger Vertrauter Suhartos, kontrolliert die Bank Pacific.

Auch die anderen vom IWF verordneten Reformen dürften die Pfründen etablierter Geschäftsleute schmälern. Denn Indonesien muß in Zukunft seine Wirtschaft stärker nach außen öffnen und den Markt liberalisieren.

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Ausländische Unternehmen dürfen fortan ihre Produkte selbständig im ganzen Land verkaufen. Bislang hatte die Regierung sie gezwungen, einen indonesischen Partner zu beteiligen. Internationale Handelshäuser können künftig im ganzen Land Büros eröffnen.

Weitere Hemmnisse sollen fallen. Die staatliche Einkaufsgesellschaft Bulog verliert das Monopol für den Import von Grundnahrungsmitteln wie Sojabohnen, Knoblauch und Weizen. Einige indonesische Industriezweige, die bislang durch hohe Einfuhrzölle geschützt waren, werden den scharfen Wind der ausländischen Konkurrenz zu spüren bekommen. Petrochemische Produkte zum Beispiel können nun billiger eingeführt werden.

Nachdem das IWF-Paket geschnürt war, stiegen Jakartas Börsenkurse wieder an.

Doch indonesische Ökonomen kritisieren, daß viele teure Prestigeprojekte und Privilegien der Regierung unangetastet bleiben. So darf Technologieminister Bachruddin Habibie sein ebenso aufwendiges wie umstrittenes Flugzeugbau-Programm fortsetzen.

Schmerzhafter als die Reichen und Mächtigen spüren denn auch die normalen Indonesier die Krise. Auch gesunde Unternehmen erhalten seit Wochen so gut wie keine Kredite mehr. Viele Betriebe leiden doppelt. Der Absatz geht zurück, weil die Kunden weniger Geld in der Tasche haben. Zugleich müssen sie aber für die importierten Teile für ihre Produktion mehr bezahlen. Folge: Firmenpleiten und Kurzarbeit häufen sich. Vor allem mittelgroße Textil- und Schuhfabriken, Plastik- und Metallbetriebe sind betroffen.

Wie in Thailand und Malaysia liegen in Indonesien immer mehr Baustellen brach. Eine Million Wohnungen können nicht fertig gebaut werden, sagt der indonesische Ökonom Panangian Simanungkalit. 150 000 Arbeiter sollen allein in der Hauptstadt bereits entlassen worden sein.