Belgrad Der Boß kam pünktlich. Gegen acht Uhr am Freitag morgen steuerte sein schwarzer Mercedes behutsam auf den Bürgersteig vor dem mächtigen Gebäude des staatlichen Ölmonopolisten Beopetrol, Bulevar Lenjin 113 in Novi Beograd.

Zoran Todorovic, genannt "Kundak", der Knüppel, und sein Leibwächter Sinisa Milenkovic stiegen aus und gingen auf die Eingangstreppe zu.

Da stürmte von der nahen Bushaltestelle ein Jugendlicher mit blauer Mütze auf sie zu und feuerte zwei kurze Salven aus einer Heckler-Maschinenpistole ab.

Der 38jährige Unternehmenschef fiel wie vom Blitz gefällt vor die Stufen, tödlich in den Kopf getroffen. Der 32jährige Leibwächter brach schwer verletzt zusammen. Der Mörder rannte an der Rückfront des Konzerns entlang und tauchte in der Straße der proletarischen Solidarität unter.

Todorovic alias Kundak war der dritte Mann. Zwei Prominente gingen ihm in diesem Jahr bereits voraus. Alle drei Mordopfer gehörten zum familiären Freundeskreis der "serbischen Staatsehe": Sie unterhielten engste Beziehungen zu Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic, dem Führer der Sozialistischen Partei, und dessen Frau Mira Markovic, der Gründerin und Chefin der Koalitionspartei JUL (Jugoslawische Linke). Für Mira Markovic war Zoran Todorovic, der zugleich als Generalsekretär ihrer JUL fungierte, weit mehr als der dritte Mann - wie sie noch am selben Tag mit geradezu pathetischer Intimität wissen ließ.

Sie schrieb dem Toten einen offenen Brief zum langen Abschied, der selbst Peter Handkes peinliche Seelenergüsse einige Tage zuvor bei der von ihm eröffneten, regimetreuen Belgrader Buchmesse übertraf. Die in den Zeitungen veröffentlichten, im staatlichen Fernsehen aber schnell wieder ausgeblendeten Zeilen der 55jährigen Präsidentengattin lauteten: "Teurer Zoran, nie war ich Dir ferner und nie warst Du mir näher. Vom Süden Indiens, aus Madras, bin ich nicht in der Lage, heute nach Belgrad zu kommen und Dir auf Deinem letzten Wege meinen Gruß zu entbieten - ich, die ich volle fünfzehn Jahre Deine beste Genossin war. Doch ich sende diese Botschaft über alle Berge und Meere: Ich werde mich nie von Dir trennen. Meine ersten Gedanken waren: nie mehr unsere Gespräche, Übereinstimmungen, Sorgen, Empörungen, Hoffnungen - alles in einer Stunde und so alle Jahre. Ich werde Dich vermissen, solange ich lebe. Ich möchte, daß Du weißt: Auch wenn Du gehst - von mir gehst Du nicht. Bitte sorge für uns alle, die Du verlassen hast, und ich werde für Dich sorgen. Und trage mir nicht nach, daß ich manchmal Einwände Dir gegenüber erhob. Du warst immer mein Freund. Jetzt habe auch ich Dir alles vergeben. Du hast aller Welt geholfen - jenen, die Deiner Hilfe bedurften, und jenen, die ihrer nicht bedurften. Deshalb standen wir uns am nächsten. Ich werde immer Danijela und die Kinder lieben, wie ich Dich geliebt habe. Gruß, Mira."

Daß Mira Markovic, die treibende Kraft hinter dem Kriegsanstifter Milosevic, mit ihrem Freund Todorovic aller Welt geholfen haben will - einschließlich jener, die den Beistand gar nicht wünschten -, klingt schon makaber genug.