BONN. - "Spar dich reich" - so wirbt ein großer Elektrogerätehändler im Rheinland für seine angeblich so günstigen Videorecorder und Stereoanlagen man soll sich wohl möglichst viele davon anschaffen, um endlich zum Geldadel zu gehören. Der Dosenabfüller Coca-Cola umgarnt derweil die Regierungen der Bundesländer mit möglichen Investitionen in Höhe von 500 Millionen Mark - wofür bitteschön die Ministerpräsidenten bei der Novellierung der Verpackungsverordnung kräftig an der Getränkemehrwegquote von 72 Prozent knabbern oder sie am besten ganz verspeisen möchten. Als kleine Gegenleistung, sozusagen.

Gegen derartige Sonderangebote kommen Umweltverbände kaum an. Vieles von dem, was sie fordern, wird eher etwas mehr kosten: mehr Zeit, weil die Fahrt im Intercity von Hamburg nach Stuttgart eben länger dauert als ein energiezehrender Flug mehr Rücksicht, weil die Winterruhe des Schneehuhns im Tiefschnee stiller Berghänge sich mit dem spaßtrunkenen Umherbrausen auf dem Snow-Mobil nicht so recht vertragen will nun ja, bisweilen auch mehr Geld, weil ein Bioschwein, das vor dem finalen Bolzenschuß im Schlachthof noch im Schlamm wühlen und in die Sonne blinzeln durfte, dummerweise etwas teureres Fleisch liefert als die gemästeten Stallneurotiker aus engen Boxen mit Spaltenboden.

Aber, ach ja, das ist nerviges Umweltgejammer von gestern, mit dem heute kein junger Kopf mehr zu gewinnen ist. Die Kids wollen Spaß, schlürfen Red Bull genüßlich aus Weißblechbüchsen und halten jeden, der ihnen das vorwirft, für eher uncool. Ihre ratlosen Eltern leiden statt dessen an einer lebenslänglichen Hirnzerrung - lästige Folge ihres moralischen Dauerspagats zwischen dem verbissen-trotzigen Kauf von Ökomilch und ihrer Finca auf den Kanaren, zu der man blöderweise (aber so irre billig!) hinjetten muß.

Umweltthemen haben es eben auch deshalb schwer, weil so viele Menschen ihr Leben immer verzweifelter genießen wollen. Das kann man erstens niemandem verübeln, und zweitens haben das inzwischen auch die Medien gemerkt und dünnen schon mal vorsorglich ihre Umweltredaktionen aus. Wenn Umweltverbände heute noch von sich reden machen wollen, müssen ihre Präsidenten ein Wettessen mit Gentomaten veranstalten, ihre politischen Gegner mit Gülle bewerfen oder sich am Bungee-Seil vom Langen Eugen stürzen. Mit ein paar anständigen neuen Krebsgiften in der Muttermilch käme man bei aufgeschlossenen Redaktionen vermutlich auch noch durch. Und gottlob ist da ja auch noch der Quotengarant unter den Umweltthemen, der sogenannte Waldzustandsbericht, an dessen Exegese sich die Umweltverbände alljährlich im Herbst beteiligen dürfen - dann trauert alles mit ihnen.

Ansonsten aber beherrschen die Hohepriester des Standorts Deutschland die öffentliche Aufmerksamkeit nach Belieben. Und die Bonner Umweltministerin findet sich damit ab, daß sie am Katzentisch statt am Kabinettstisch der Regierung sitzen muß. Zum Glück ist sie auch für Atomreaktoren zuständig, weil da eher noch was geht. Die Wirtschaft muß halt wieder brummen. Wen kümmert da noch ein Niedermoor, das den Fehler hat, auf der Trasse einer überflüssigen Autobahn vor sich hin zu blubbern!

Die Umweltlobby hat sich darauf eingestellt. Sie führt für ihre Forderungen zunehmend wirtschaftliche Argumente ins Feld und hantiert dabei immer geschickter mit Vokabeln aus der Volkswirtschaft. Das ist zwar so, als ob die Energiekonzerne mit dem Blütenbestimmbuch in der Hand neue Großkraftwerke durchboxen wollten. Doch mit welchen Waffen in der Bundespolitik gefochten wird, bestimmen heute weniger denn je die grünen Verbände.

Jetzt kommt noch das Positive: Die Umweltverbände werden es überleben - und weiterkämpfen dafür, daß der Standort Deutschland auch künftig mehr ist als ein Baugebiet.