Alan Freeman, Korrespondent der kanadischen Zeitung The Globe and Mail, machte sich zum ersten Mal mit deutschen Sitten und Gebräuchen vertraut.

Eiswaffeln für seine Kinder wollte er kaufen, in Lübbenau, an einem Sonntag um halb fünf. Er war kaum an der Reihe, da schloß die Verkäuferin das Geschäft. Noch schlimmer ging es seiner Frau im Supermarkt: Als sie kein Wechselgeld parat hatte, lehnte sich die Kassiererin vor und kramte in Frau Freemans Portemonnaie herum. Am Käsestand bekam sie gar eins auf die Finger, weil sie es gewagt hatte, die Ware zu betatschen. "Der Kunde ist in Deutschland Sklave", ließ Alan Freeman seine Leser wissen.

Richtig neu ist der Befund nicht. Über die muffeligen Deutschen zu berichten gehört zur guten Tradition des Korrespondentenwesens: "Warteschlangen an den Kassen, übellaunige Verkäufer" (Los Angeles Times) "Die deutsche Krankheit" (Newsweek) "Wer kauft jetzt noch bei den häßlichen Deutschen ein?"

(International Herald Tribune). Der Bonner Bürochef der Washington Post, Marc Fisher, schrieb ein ganzes Buch über den Komplex und zitiert einen deutschen Gewährsmann: "Von dem Augenblick an, in dem das Flugzeug den Boden berührt, empfinde ich Bedrükkung. Die gerunzelten Stirnen, die Vorschriften, die Unfreundlichkeit - das zusammen nimmt dir deinen Lebensmut."

Sind wir wirklich so schlimm? Als die Hamburger Morgenpost entsprechend fragte, bekam sie eine Flut von Zuschriften. Achtzig Prozent meinten: Ja. Man muß ein ganzes Jahrhundert und länger zurückgehen, um ein freundliches Urteil über dieses Land zu finden. "Die Straßenbahnschaffner trugen hübsche Uniformen, und ihr Benehmen war nicht weniger fein als ihre Kleidung", beobachtete Mark Twain in Frankfurt, der obendrein beim Einkaufen nur die allerbesten Erfahrungen machte. Und auch Madame de Staël, die 1803 zu einer Deutschlandreise aufbrach, fand seinerzeit noch alles reizend und schön und geriet darüber ins Schwärmen.

Doch heute? Von der "Poesie der deutschen Seele" ist schon lange keine Rede mehr. Statt dessen von Flegelei, Unhöflichkeit und rüder Unart, die das öffentliche Leben durchtränkt wie Essig den Sauerbraten. Den Umgangston prägt beileibe nicht nur der berüchtigte Berliner Taxifahrer - auch der Bundeskanzler geht stilbildend voran, wenn er unliebsame Fragesteller in einem Tonfall rüffelt und maßregelt, als wollte er sagen: Aus welchem Schweinestall sind eigentlich Sie gekrochen?

Für alles das muß es Gründe geben.