In Warschau Benetton und GAP, McDonald's und Doc Martens, fast so schön wie zu Hause. Oder noch schöner: Im Zeitschriften-Departement des Gabriela Sabatini Megastore, Ecke Nowy swiat und Jerozolimskie, liegt sogar die fette Wochenendausgabe der New York Times. Allerdings für 39,50 ZIoty, so teuer wie eine Michael-Jackson-CD.

Die Hochglanzabteilung ist überfüllt, lautloses Blättern in Computer-Sport-Sex-Mode-Motor-Zeitschriften - nur wenige kaufen, die Bilder bleiben im Kopf. Es geht aufwärts.

Was nicht zu erwarten war: Tomasz Stanko begrüßt den Kapitalismus, das neue Tempo, den Aufbruch. Der düstere Trompeter mit dem dreckigen Ton, Inbild des schwermütigen Musikers, ist offenbar ein anderer geworden, er spricht von Yoga, Jogging und vegetarischer Ernährung, die dunkle Periode seines Lebens nennt er Vergangenheit. Es gebe mehr Festivals, mehr Konzerte, mehr von allem.

"Ich fühle mich wohler. Natürlich ist die Konkurrenz größer, natürlich hängt es davon ab, wie gut man ist, wie tough, wie man sein Talent verkaufen kann.

Früher wurde man subventioniert, jeder bekam das gleiche. Der Übergang war schwer."

Und dann, nach einer kleinen Pause, mit einem melancholisch-ironischen Lächeln: "Natürlich kommen die geruhsamen Zeiten, die schönen alten Lenin-Zeiten nicht mehr zurück."

Tomasz Stankos Augen erzählen eine andere Geschichte: von einem jungen Trompeter aus der "Katakomben-Periode" des polnischen Jazz der fünfziger und sechziger Jahre, von den früh verstorbenen Freunden und Musikern Krzysztof Komeda und Zbigniew Seifert, von europäischem Ruhm, von Alkohol und Drogen, von Wiederauferstehung.

Zwischen 1970 und 1990 veröffentlichte er mehr als zwanzig Platten unter eigenem Namen, die Hälfte auf polnischen Labels, dem kapitalistischen Marktbewußtsein entzogen. Nun steht er wieder im Rampenlicht, nach zwei großen Alben mit seinem neuen Quartett, spielt die Musik von Komeda, tritt am 6. November beim Berliner Jazzfest auf, dort, wo 1971 mit stehenden Ovationen seine westeuropäische Karriere begann. Es sind wache und traurige Augen.

Ob er nie daran gedacht habe, nach Paris, London, New York zu ziehen? "I was too lazy, man, you know", grinst Stanko, "als Pole ein Emigrant zu sein ist sehr anstrengend. Keiner hilft dir. Hier in Warschau hatte ich meine eigene Gruppe, es war viel bequemer für mich, von Warschau aus nach Deutschland zu fahren. Wenn ich zweitausend Mark hatte, konnte ich damit ein paar Monate hervorragend leben. Warum sollte ich nach New York ziehen und zum Workaholic werden?"

Schmeichelnde Streicherklänge, ein entspanntes Klopfen auf Trommeln, ein warmer, angerauhter Trompetenton - Stankos Filmmusik zu "A Farewell To Maria" kommt aus den schlanken Lautsprechertürmen in seiner Altbauwohnung an der Rozbrat ulica. Hundert Quadratmeter Parkett - zu kommunistischen Zeiten mit Dollars gekauft, heute für ihn unbezahlbar.

Er ist stolz auf die kürzlich erworbene High-End-Anlage, 12.000 DM teuer, ein Zeichen der neuen Zeit und doch Denkmal des Widerstandes gegen die drohende Bürgerlichkeit, der er sich ein Leben lang entzogen hat. Seine Freundin, eine Architektin, wollte das Geld in ein Sommerhaus investieren. "Da habe ich mich entschlossen, diese Anlage zu kaufen. Da steht mein Sommerhaus. Sieht viel besser aus."

Tomasz Stanko, am 11. Juli 1942 in Rzeszów geboren, in Krakau aufgewachsen, wo er auch das fünfjährige Musikstudium beendet, gründet als Zwanzigjähriger die Gruppe Jazz Darings, die erste osteuropäische Free-Jazz-Formation.

Im Jahre 1961 war er durch Zufall auf die 1958/59 in den USA veröffentlichten Platten Ornette Colemans gestoßen er geht 1963 nach Warschau, trifft dort den Pianisten Komeda, ersetzt dessen Trompeter, der krank wurde - zufällig.

"Accidents. I love accidents. I use accidents." Zufälle sind sein Leben, seine Musik, sind ein Bestandteil seiner Kunst der Improvisation. Wie Max Frisch in seinem Tagebuch schrieb: "Wir erleben keine Zufälle, die nicht zu uns gehören. Am Ende ist es immer das Fällige, das uns zufällt."

Es sind Künstlerbiographien, die ihn faszinieren, die Geschichten von Modigliani und Charlie Parker, von Cezanne und van Gogh.

Er liest als Vampir, bis heute, folgt den Pfaden und Büchern von Burroughs, Lowry, Faulkner, Márquez. Er sucht im Dunkel nach den Erleuchtungen für seine Musik.

Die besten Dinge kämen aus dem Schmutz. "If you got the flash then you'll get the illumination. Es ist ein bißchen gefährlich. Aber was ist nicht gefährlich? Selbst wenn man vors Haus geht ..."

Tomasz Stanko wechselt zwischen Englisch und Polnisch, der freundliche junge Übersetzer bemüht sich um Feinheiten.

Ein verregneter Nachmittag in Warschau. Kopernikus und Chopin tropfen vor Nässe, selbst die martialischen Denkmäler um die Altstadt sind von einer Patina aus Verzweiflung und Herzausreißen überzogen. Ein junger Geiger steht regengeschützt in einem Torweg, spielt die h-Moll Partita von Johann Sebastian Bach, während die Fußgänger zu Jeans & Co hasten, klingende Stöpsel im Ohr.

Die polnischen Autoren fehlen in Stankos Bücherschränkchen, das musikalische Volksgut Polens sucht man vergebens in seiner Musik, die empfohlenen Restaurants sind beinah perfekte Abbilder ihrer französischen und griechischen Originale, Stankos Verehrung für Miles Davis und Chet Baker bleibt unbestritten.

Und doch: Sein Ton wächst in diesem Land, selbst in den melancholischen Passagen ist Wut zu spüren, ein immer wiederkehrendes Aufbrechen der Einsamkeit, die Aggressivität des Dreckigen. "Jazz wurde aus dem Schmerz geboren", zitiert ihn das Beiheft zur düster-hypnotischen Doppel-CD "Peyotl-Witkacy".

"Schmerz ist schön. Das Leben hat zwei Seiten: eine helle und eine dunkle.

Ich denke, wir leben auf der schmerzvollen Seite." Sein unglaublicher Trompetenton zieht sich durch alle Phasen und Stile seiner musikalischen Karriere. Ob er freie Formen auslotete, sich von elektrisch wabernden Klangwolken tragen ließ, in Soloprojekten Märchen für seine Tochter spielte, im Tadsch Mahal Monologe zum Hall sprach oder von ordentlichem Klavierbaßschlagzeug begleitet wurde, sein Ton ist unverkennbar.

Es sei ganz einfach: Er hebt seine Trompete mit dem gebogenen Mundstück vom Teppich auf, erklärt den Zauber. Er habe schlechte Zähne, keine gute Voraussetzung für einen Trompeter. So habe er von Anfang an lange Noten spielen müssen, um einen Klang zu bekommen.

"Das ist es. Manche Dinge fallen dir schwerer als anderen. Und dann konzentrierst du dich um so mehr und findest deinen Ton."

Und ein zweites: Als er mit dem Flötisten Jeremy Steig auftrat, inspirierte ihn dessen gleichzeitiges Singen. Stanko versuchte es auch - singend zu blasen -, es wurde ihm zur Natur, er erreichte damit eine größere Resonanz des Körpers, ganz einfach.

"Und wenn ich Dissonanzen dazu singe, klingt es noch dreckiger. Jeder erkennt meinen Sound. Und selbst ich habe mich inzwischen daran gewöhnt."

Stanko lacht. Es piept. Das Handy! Wo liegt es?

Beinahe rührend, wie er immer wieder nach dem Piepen sucht. Er ist wieder im Gespräch, seit fünf Jahren clean, im Kopf klar - eine Hirnplastik hängt wie ein Hochaltar in der Altbauwohnung. Und die neue Platte "Litania", eine Neueinspielung von Stücken des Jazzpianisten und Filmkomponisten Krzysztof Komeda, nennt der Kritiker Peter Ruedi zu Recht "eine der schönsten CDs nicht nur des Jahres und nicht nur Europas".

Tomasz Stanko schreibt die neu erwachte Aufmerksamkeit den seit zwanzig Jahren unverminderten Bemühungen Manfred Eichers von der Münchner Plattenfirma ECM zu, bescheinigt sich aber selbst: "Ich war bereit dazu. Ich habe das Dunkel in mir, also kann ich gut auf der hellen Seite leben. Ich erinnere mich sehr genau."

Tomasz Stankos freundliche Höflichkeit beruht auf einer tiefen Trauer, einer selbstbewußten Verzweiflung.

"Vielleicht ist diese Verbindung aus Melancholie und Exzeß eine polnische Eigenschaft, wer weiß, vielleicht geographisch bedingt, wie Romantik und Anarchie in Rußland, eine Sache des Klimas. Vielleicht haben wir alle einfach zuwenig Sonne?"