Ob die Mitglieder des Internationalen Währungsfonds (IWF) manchmal in den eigenen Jahresbericht schauen? "Es bestand generelles Einvernehmen, daß sich die Investoren der Risiken bewußter geworden sind, mit denen Investitionen in aufstrebende Märkte verbunden sind", steht da voller Optimismus in der Broschüre für 1997. Im Juni zogen Anleger voller Panik ihr Geld aus Thailand ab. Munter schreibt der Fonds wiederum: "Die Bewertung der Investitionschancen wird stärker als früher von einem umfassenden Spektrum makroökonomischer, finanzieller und die Gesundheit von Banken betreffender Indikatoren abhängig gemacht." Wie man sich doch täuschen kann. Ganz Asien wird von Währungsturbulenzen gebeutelt. In Indonesien und Thailand brechen in dieser Wochen reihenweise Banken zusammen, denn viele haben offensichtlich nicht einmal die Grundregeln des Finanzgeschäftes beachtet.

Seither versucht der Währungsfonds zu retten, was noch zu retten ist. Mit 23 Milliarden Dollar will er Indonesien vor der drohenden Zahlungsunfähigkeit bewahren, andere Geber legen noch weitere zehn Milliarden dazu. Zuvor hatte schon Thailand 16,7 Milliarden Dollar bekommen. Nur während der Tequilla-Krise vor zweieinhalb Jahren war ein Land mit noch mehr Geld bedacht worden. Damals bekam Mexiko 48 Milliarden Dollar der IWF, die Vereinigten Staaten und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hatten zusammengelegt.

Der Grund für die Spendierfreudigkeit ist damals wie heute derselbe: Die Aufseher der internationalen Finanzmärkte fürchten einen Schneeballeffekt.

Sollte einer der asiatischen Tigerstaaten zahlungsunfähig werden, könnte dies den Nachbarn und letztlich gar der gesamten Weltwirtschaft schwer schaden.

Denn wie sehr die Weltwirtschaft - zumindest psychologisch - vernetzt ist, haben die Krisen der vergangenen Wochen gezeigt: Erst flohen die Kapitalanleger aus Thailand, und die Landeswährung Baht wurde abgewertet, dann traf es den philippinischen Peso, den malaysischen Ringit, die indonesische Rupiah, und immer wieder wird seither gegen den Hongkong-Dollar spekuliert. Angesteckt von den asiatischen Währungsturbulenzen, purzelten die Börsenkurse schließlich allerorten - bis zu Beginn dieser Woche bekannt wurde, daß der IWF sein Füllhorn ausschütten würde. "Es gab einen ernsthaften Vertrauensverlust, und wir hoffen, so die Ansteckungsgefahr in Asien und sonstwo bekämpfen zu können", begründet der stellvertredende IWF-Direktor Stanley Fischer die Aktion. Weltbank-Chef James Wolfensohn glaubt seither gar, die schlimmsten Zeiten seien vorüber.

Tatsächlich hat das Signal vorerst gewirkt. Weltweit meldeten Börsenticker: Aktienmärkte deutlich fester. Doch die Rettungsaktion des Fonds ist umstritten. Sie könnte als Präzedenzfall für künftige Krisen genutzt werden, und die werden sicher kommen. Kritiker fürchten daher um den moral hazard, den sie auslösen könnte: Egal welche Fehler ein Land macht - wenn sie für die Weltwirtschaft gefährlich genug sind, dann zahlt die Staatengemeinschaft schon. Also wird munter weitergesündigt.

Das Argument wiegt schwer. Tatsächlich nutzt das IWF-Programm nämlich nicht nur der gebeutelten Bevölkerung, sondern auch zwei Gruppen, die es nun wahrlich nicht verdient haben: den Spekulanten und den korrupten Regierungen.