Augenzeugen berichten, daß Ken Saro-Wiwa fünfmal den Galgen besteigen mußte, bis der Scharfrichter dem Leben des Schriftstellers schließlich ein Ende setzte. Es war 11.30 Uhr vormittags. Bis zuletzt glaubte Saro-Wiwa nicht, daß er tatsächlich hingerichtet würde. Erst als die neun Bürgerrechtler (Saro-Wiwa und acht seiner Mitarbeiter) an Handgelenken und Fußknöcheln aneinandergefesselt wurden und schließlich jedem einzelnen ein schwarzer Sack über den Kopf gestülpt wurde, schwand jede Hoffnung. Der Todeskampf Ken Saro-Wiwas muß gräßlich gewesen sein, da das Eigengewicht des kleinen Mannes zu gering war, um den Nackenwirbel sofort vom Kopf zu trennen.

Das geschah am 10. November 1995, nur elf Tage nachdem ein Gericht des nigerianischen Militärregimes den 54jährigen Journalisten, Drehbuchautor, Romanschriftsteller und Träger des Alternativen Nobelpreises zum Tode verurteilt hatte. Die weltweiten Reaktionen auf die Hinrichtung und die halbherzige Ächtung des Militärdiktators Sani Abacha änderten bis heute nichts an dem Schicksal des Ogoni-Volkes, für dessen Rechte Saro-Wiwa eingetreten war. Seit Mitte der fünfziger Jahre haben internationale Ölgesellschaften, allen voran die Royal Dutch/Shell-Gruppe, durch ihre Bohrungen die Umwelt der Ogoni im Nigerdelta praktisch vernichtet.

Eine neue Reihe des Deutschen Taschenbuch Verlages unter dem Obertitel "20 Tage im 20. Jahrhundert" beginnt mit dem Datum des 10. November 1995, einem der zwanzig ausgewählten Tage, die herausragende Ereignisse geprägt haben und jeweils als Ausgangspunkt einer umfassenden Darstellung der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung dienen - im vorliegenden Band jener der sogenannten Dritten Welt. Der an den Anfang gestellten Hinrichtungsszene folgen sorgfältig recherchierte Zusammenfassungen historischer und aktueller Tendenzen. Wer Joseph Ki-Zerbos "Geschichte Afrikas" kennt (Hammer Verlag 1979), empfindet Walther L. Berneckers Untersuchung als kompetente Ergänzung jenes Standardwerkes eines afrikanischen Historikers.

Der Autor liebt Statistiken und Vergleiche als Beweismittel. Sie unterstreichen, rückblickend auf 1996, das von den Vereinten Nationen erklärte "Jahr der Beseitigung der Armut", wie folgenlos die Bemühungen um das plakatierte Ziel, besonders in Schwarzafrika, bisher verlaufen sind. Die Nettozahlen der Entwicklungshilfe allein aus der Bundesrepublik Deutschland summieren sich inzwischen auf mehr als 400 Milliarden Mark trotzdem erhöhte sich die Anzahl der Staaten, die an Hand festgelegter Kriterien zu den am wenigsten entwickelten Ländern (Least Developed Countries, die sogenannte Vierte Welt) zu rechnen sind, zwischen den siebziger und neunziger Jahren von 31 auf 42, die meisten davon im subsaharischen Afrika. Die Wirtschaftsleistung in der Ersten Welt hat sich von 1983 bis 1993 je Einwohner mehr als verdoppelt, in der Dritten Welt ist sie nur um zwanzig Prozent gestiegen die Schere zwischen Nord und Süd öffnet sich immer mehr.

Der Autor hält auch mit kritischer Beurteilung von IWF, Weltbank, Gatt, Unctad und Rohstoffabkommen nicht zurück. Das Fazit: Alle Instrumente der Weltwirtschaft haben versagt. Die in einigen Entwicklungsländern zaghaft beginnenden Demokratisierungsprozesse haben allerdings wenigstens dazu geführt, daß Hunger nicht länger hingenommen, sondern als Skandal angesehen wird, auch zunehmend selbstkritisch in den betroffenen Ländern. Eingehendere Untersuchungen über die verbreitete Kleptokratie und Autokratie als typisch afrikanische Regierungsformen - siehe Zaire und Kenia - hätten die Abhandlung noch bereichern können.

Die Hilflosigkeit der Ersten Welt angesichts gravierender Menschenrechtsverletzungen und Korruption, der Teufelskreis der Abwägung zwischen Zwangs- und Boykottmaßnahmen und den wirtschaftlichen Interessen der Industriestaaten zeigen sich nach der vielfach belegten Meinung des Autors auch 1997 unverändert. Als Reaktion auf die Hinrichtung Ken Saro-Wiwas hat die Commonwealth-Konferenz vom November 1995 beschlossen, ihr Mitglied Nigeria aus der Völkervereinigung auszuschließen, wenn seine Regierung nicht innerhalb von zwei Jahren demokratische Verhältnisse nachweisen kann. Es wird aufschlußreich sein, diesen Termin - im November dieses Jahres wird er fällig - im Auge zu behalten.

Walter L. Bernecker: Port Harcourt, 10. November 1995 Aufbruch und Elend in der Dritten Welt Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1997 323 S., 19,90 DM