Bier einkaufen im dänischen Odense geht so: Man steigt in aller Herrgottsfrühe in einen Bus. Der bringt einen in die vierzig Kilometer entfernt liegende kleine Hafenstadt Faaborg. Dort steigt man in das Fährschiff Gelting Syd, welches über den Kleinen Belt und die Flensburger Förde zum deutschen Dörfchen Gelting dampft. Den dortigen Fährhafen erreicht man nach gut zwei Stunden. Man betritt den Gelting Mole Supermarket. Man stapelt palettenweise das gute Odense Pilsner in seinem Einkaufswagen. 110 Liter Bier pro Person sind gestattet. Man schleppt die Beute an Bord. Nach 45 Minuten legt die Fähre wieder ab. Am frühen Nachmittag ist man wieder daheim.

Selbst dänisches Bier ist in Dänemark gräßlich teuer. Dreißig Dosen Faxe kosten 89 Kronen, umgerechnet 23 Mark, dagegen im Geltinger Fährhafen als Sonderangebot nur 14,99 Mark. Entsprechendes gilt für Weine, Schnäpse, aber auch Süßes. Das gewaltige dänisch-deutsche Preisgefälle ist die Existenzgrundlage des Butterdampfers Gelting Syd, der in guten Tagen bis zu dreimal täglich jeweils 500 Fahrgäste, viele davon mit eigenem Pkw als Einkaufswagen, hin- und herschaukelt. Doch zur Zeit sind schlechte Tage. Mal 70, mal 100 Fahrgäste verlaufen sich an Bord des 115 Meter langen Schiffes.

Und neulich, an einem Oktoberabend, standen 150 festlich gekleidete ältere Herrschaften am Anleger in Gelting und freuten sich auf eine lustige "Arrangement-Fahrt" ("italienischer Abend") - da fuhr die Gelting Syd überhaupt nicht. Denn das Schiff wird seit September immer wieder von der eigenen Besatzung bestreikt. Der Schaden, jammert die dänische Reederei Nordisk Færgefart A/S, nähert sich zwei Millionen Mark - bei einem Umsatz von vierzig Millionen sind das keine Peanuts. Schuld ist: "die Person".

Alle sagen "die Person". Die einen, weil sie ihre Anonymität schützen wollen, die anderen meinen wohl eher "Unperson". Es handelt sich um eine 42jährige Küchenhilfe an Bord der Gelting Syd, blond, schlank, tüchtig, engagiert, von einer schon fast beängstigenden Freundlichkeit gegenüber ihren Kunden, denen sie den Kaffee zapft. Es ist nicht übertrieben festzustellen: Wenn "die Person" serviert, geht in der abgewetztesten Cafeteria die Sonne auf. Die Sonne geht aber sofort wieder unter, wenn man sie auf "die christliche Gewerkschaft" anspricht. Das Problem: Sie ist an Bord das einzige Mitglied der Kristelig Fagforening. Auf der Gelting Syd ist man aber als Küchenhilfe Mitglied der kämpferischen linken RBF, der Gewerkschaft der Restaurations- und Brauereiarbeiter. Ist man es nicht, wird man es ganz schnell. Das ist Usus. Die Christin widersetzt sich dem Brauch. Und seitdem richtet sich der Fährbetrieb zwischen Faaborg und Gelting nach dem Dienstplan der Dissidentin: Hat sie frei, dampft die Gelting Syd nach Fahrplan. Ist sie jedoch an Bord, streiken die anderen dreißig Servicekräfte. Mal blockieren sie den Betrieb ganz, mal lassen sie das Schiff auslaufen. Wegen der verringerten Besatzung dürfen dann allerdings nur maximal 150 Fahrgäste mitfahren.

Die Belegschaft der Gelting Syd möchte mit ihrem Streik die Reederei zwingen, die widerspenstige Küchenhilfe hinauszuschmeißen. Am Anleger in Faaborg verteilen Streikposten Flugblätter an die paar Fahrgäste, die die Überfahrt noch wagen (wer weiß, ob das Schiff wieder zurückfährt!). Hier steht auch RBF-Mitglied und Kellner Christian Rix im Wind. "Die Firma soll ihr 15 000 oder 20 000 Mark Abfindung geben. Dann sind wir sie los." Der Konflikt nimmt ihn sehr mit. "Die Person will davon profitieren, was wir in vielen Jahren erreicht haben", schimpft er. Das sei unsolidarisch. Er tippt auf niedere Beweggründe: Die christliche Gewerkschaft ist nämlich erheblich billiger als die Restaurationsgewerkschaft. Und was tut die Firma? Erst legt sie ihnen dieses Kuckucksei ins Nest. Dann läßt sie sich vom Arbeitsgericht einen "wilden Streik" attestieren und kürzt die Löhne. Dann läßt sie eine Blockade des Schiffes mit Polizeigewalt brechen. Und seit sechs Wochen weigert sich die Firma, mit den Streikenden auch nur zu verhandeln. "Es kommt mir so vor, als wollte sie uns alle loswerden. Dabei haben wir eine Vereinbarung mit der Firma, daß hier nur Leute von unserer Gewerkschaft arbeiten dürfen."

Daß es sich bei der Nordisk Færgefart A/S um einen closed shop handelt, einen Betrieb, in dem eine bestimmte Gewerkschaftsmitgliedschaft Einstellungsvoraussetzung ist, bestreitet Unternehmenssprecher Axel Jórgensen allerdings. Er verweist auf die von der dänischen Verfassung garantierte freie Wahl der Gewerkschaft und sieht keine Möglichkeit, der Mitarbeiterin zu kündigen. Verhandelt würde erst, wenn auf dem Schiff wieder regulär gearbeitet würde. Im übrigen habe soeben das Arbeitsgericht bestätigt, daß die Streikenden sofort entlassen werden dürften. Basta!

Die erstaunliche Verbitterung, mit der dieser Konflikt auf der hübschen Insel Fünen ausgetragen wird (kennen wir die Dänen nicht als ein Volk, das gesellschaftlichen Streit auf beispielhaft friedliche Weise bereinigt?), erinnert an einen problematischen Grundkonsens des dänischen Wirtschaftslebens: Die meisten größeren Betriebe sind tatsächlich closed shops mit Exklusivverträgen zwischen Unternehmen und Branchengewerkschaften.