Es ist der 10. November 1909, Friedrich Schillers hundertundfünfzigster Geburtstag. Wieder einmal wird, so weit die deutsche Zunge klingt, des "deutschesten aller Dichter" gedacht, wie zuvor schon 1859, hundertster Geburtstag, als sich im ganzen Land die Festzüge formierten und die Einheit Deutschlands proklamierten, wie schon 1905, hundertster Todestag, als landauf, landab zu Ehren des Dichters der "Glocke" die Glocken ertönten.

Wieder einmal feiert das Vaterland seinen "Heros", Gedichte werden vorgetragen und Vorträge erdichtet. Nur Karl Kraus mag sich nicht mitfreuen.

Er sitzt in Wien, schreibt an der Nr. 291 der Fackel und weigert sich bis auf weiteres, von Schiller zu reden: "Ehe wir von dem Künstler reden wollen, muß unbedingt auch die entfernteste Möglichkeit beseitigt sein, daß vor einer Schillerbüste ein Männergesangsverein Aufstellung nimmt. Daß mir sein zweihundertster Geburtstag vor solchen Zwischenfällen bewahrt bleibe! Und daß bis dahin überhaupt alle kompromittierenden Beziehungen zwischen einem Genius und den gestärkten Vorhemden aufgehört haben - das walte Gott!"

Vielleicht haben auch 1959 Männergesangsvereine vor Schillerbüsten Aufstellung genommen. Die Hemden der Festredner waren mit Sicherheit gestärkt, die Feuilletons schmückten sich mit den edelsten ihrer Federn, und der von der Deutschen Schillergesellschaft veröffentlichte Jubiläumsband lag schwer in der Hand. Doch um das gewichtigste Projekt deutscher Schilleristik, die 1943 begonnene und bis heute nicht abgeschlossene "Nationalausgabe" von Schillers Werken, blieb es seltsam ruhig.

Die Herausgeber und ihre Mitarbeiter konnten und wollten nicht auf sich aufmerksam machen. Es waren hier Germanisten am Werk, die sich zunächst für das Werk interessierten und nicht für seine vaterländische Wirkung. Aber es waren auch Germanisten, die nicht nur deshalb still vor sich hin arbeiteten, weil dies dem Berufsbild eines Editionsphilologen eben entspricht, sondern die zum Stillhalten auch gezwungen waren, wollten sie ihre Arbeit nicht gefährden. Denn solange die DDR bestand, war die "Nationalausgabe" ein Projekt beider deutscher Staaten. Weil die erhaltenen Handschriften Schillers gerecht auf das Deutsche Literaturarchiv in Marbach und das Goethe-und-Schiller-Archiv in Weimar verteilt sind , waren west- und ostdeutsche Editoren zur Zusammenarbeit gezwungen. Und weil die DDR am Bekanntwerden dieser Zusammenarbeit kein Interesse hatte, führte die Ausgabe über Jahrzehnte ein fast geheimes Dasein: Leise sein oder sein lassen hieß die Alternative.

Vielleicht deshalb ist die "Nationalausgabe" bis heute, kurz vor ihrer Fertigstellung und sieben Jahre nach dem Ende der DDR, kein nationales Renommierobjekt geworden. Ursprünglich auf 32 Bände angelegt, wird sie zum Abschluß nominell 43, real 56 Bände umfassen, da einige Bände unterteilt werden mußten. Von diesen 56 Folianten liegen jetzt 49 vor, die ersten noch in schwarzes, die späteren in blaues Leinen gebunden, edel gedruckt, beklebt mit einem kleinen Lederschildchen: "Schillers Werke". Die Ausgabe enthält: Schillers Gedichte, Dramen, Fragmente, Bühnenbearbeitungen, Übersetzungen, Erzählungen, historische, philosophische und vermischte Schriften. Sie enthält außerdem Briefe von und an und die Gespräche mit Schiller sowie einen Band "Lebenszeugnisse", der Schillers Kalender, Schillers Bibliotheksverzeichnis und überhaupt alles aufnehmen soll, was in den anderen Bänden keinen Platz fand. Bis auf die Lebenszeugnisse ist alles von Schiller Geschriebene inzwischen gedruckt, lediglich einige Kommentarbände fehlen noch.