Als Gottfried Benn im Februar 1952 im British Center in Berlin sein seither oft zitiertes Urteil verkündete: "Dies war die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte", wußten die meisten seiner Zuhörer mit dem Namen Else Lasker-Schüler kaum etwas anzufangen - und erst recht nichts mit ihren Gedichten. Die Nationalsozialisten hatten ganze Arbeit geleistet: Lasker-Schülers Werke waren verbrannt, die wenigen Zeichnungen, die es von ihr in deutschem Museumsbesitz gab, erst beschlagnahmt und dann billig verscherbelt worden. Mit ihrem 20. Todestag 1965 setzte zwar die langsame Wiederentdeckung der zeichnenden Dichterin ein. Eine philologisch haltbare Ausgabe ihrer Werke aber liegt erst jetzt vor, ein halbes Jahrhundert nachdem die deutsche Jüdin mittellos und einsam im unfreiwilligen Jerusalemer Exil starb.

Als deutsch-israelische Kooperation im Auftrag des Franz-Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs in Marbach entstanden, ist im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp der erste Doppelband der "Kritischen Ausgabe der Werke und Briefe Else Lasker-Schülers" erschienen. Er verspricht, trotz einiger Unzulänglichkeiten, der Kleist-Preisträgerin endlich jenen Ruhm zuteil werden zu lassen, der ihr längst gebührt hätte. Zugleich ist der Doppelband mit den Gedichten und dazugehörigen opulenten Anmerkungen der Auftakt zu einer lange überfälligen Werkedition, die ursprünglich zwölf Bände umfassen sollte und nun noch auf sieben angelegt ist: Je einer umfaßt die Gedichte und Dramen, zwei die Prosa und drei die Briefe und Zeichnungen Else Lasker-Schülers samt Anmerkungen.

Wer Lasker-Schülers Gedichte jetzt noch einmal liest, wird feststellen, wie wenig ihre Lyrik in den seit ihrer Entstehung vergangenen Jahrzehnten an Kraft verloren hat, wie wenig Ausschuß die Vielschreiberin produziert und wie recht Benn hatte, als er 1952 beschrieb: "Ihre Themen waren vielfach jüdisch, ihre Phantasie orientalisch, aber ihre Sprache war deutsch, ein üppiges, prunkvolles, zartes Deutsch, eine Sprache reif und süß, in jeder Wendung dem Kern des Schöpferischen entsprossen."

In den 506 nachgewiesenen Gedichtfragmenten - tatsächlich gibt es einige mehr, als die "Kritische Ausgabe" enthält - eröffnet sich der gesamte Kosmos, den die Dichterin während ihres 75jährigen Lebens geschaffen hat. Keine Freundin, kein Angebeteter, dem die pausenlos verliebte Dichterin mit den wechselnden Geburtsdaten in einem eigenen Widmungsgedicht nicht auch einen Ehrennamen gäbe. Aus Karl Kraus wird, gegen seinen erklärten Willen, der "Dalai Lama", aus Franz Marc der seither unsterbliche "Blaue Reiter" und aus dem vergeblich angebeteten Gottfried Benn "König Giselher der Nibelunge".

Else Lasker-Schülers Gedichte erzählen von der fernen Traumstadt Theben, von den Abenteuern ihres Alter ego, des Prinzen Jussuf von Theben, von seinen Häuptlingen und immer wieder von der nie ganz erfüllten Sehnsucht der Ruhelosen nach Liebe und nach Heimat. "Dein sünd'ger Mund ist meine Totengruft", beginnt eines der vier ersten veröffentlichten Gedichte, die 1899 in der Zeitschrift Die Gesellschaft gedruckt wurden. Sein Titel "Sinnenrausch" zieht sich wie ein Leitmotiv durch das gesamte OEuvre.

Lasker-Schülers erste Kritiker qualifizierten ihre frühen Gedichte verächtlich als "Frauenlyrik" ab. Über ihr erstes Buch "Styx" schrieb Paul Remer in der illustrierten Zeitung Der Tag gar: "Einem trunken-großen Wollen steht ein nüchtern-kleines Können gegenüber, und diesem Zwiespalt entspringt wesentlich die Mystik dieser Dichterin."

Tatsächlich sind die nun chronologisch geordneten Gedichte Else Lasker-Schülers zugleich ein Spiegel ihrer Gemütszustände wie ihrer Biographie. In welchem Maße das Leben der Dichterin ihr Werk bestimmte, belegen vor allem die im Anmerkungsband veröffentlichten Recherchen zur Publikationsgeschichte, die zu jedem Gedicht die nachgewiesenen Handschriften, vor allem aber die Erstdrucke so vollständig wie möglich zeigen. Es gibt kaum ein privates Ereignis und wohl keinen der zahlreichen persönlichen Schicksalsschläge, der nicht Eingang in Else Lasker-Schülers Werk gefunden hätte.