SAARBRÜCKEN. - Vor dreißig Jahren, also vor Äonen, war ich Student an dieser Uni. Unruhige Zeiten, damals. Wer bis heute überlebt hat, wird sich unter seinem schütteren Haar zunächst erinnern an Flugblattfluten, an Rektoratsbesetzungen, an Polizei vorm Tor. Und an Demos, Demos, Demos. Die Unis bebten, lebten. Zeiten des Wandels, notwendig.

Eine Ewigkeit später bin ich beruflich hier. Schlendere über den Campus: Manche Bäume sind gewachsen, manche Gebäude auch, meine Uni lebt. Doch es bebt nur ein Bagger konstruktiv. Sonst Ruhe an der Oberfläche. Kein Megaphon, keine Fahnen, keine Demos. Lektüre der Litfaßsäule vor dem AStA: Konzerte, Studienfahrten, Vortragsreihen. Brave junge Leute, denke ich im Weitergehen.

Doch dann erstarre ich. "Demonstration", lese ich, klein, gut getarnt zwischen Kulturtagen und Orchideensammlung: "Demonstration - Kampfsport für Studenten ..." Aha, es brodelt also doch unter der Oberfläche! Kampfsport, ha!

Clever, die Jugend. Natürlich verstehe ich sofort den Code: Kampfsport klick Sportkampf klick Spätkapitalismus. Roger, Freunde! Einmal Guerilla, immer Guerilla ...

Jetzt bin ich hellwach. Ich stelle den Mantelkragen hoch und umkreise unauffällig die Litfaßsäule. Na bitte: Der AStA bietet einen "Infobasar mit Ausstellungen und Demonstrationen für Erstsemester". Kompliment, Leute: Die Botschaft verpackt als Kindergarteninfo - ich höre euch Apo-mäßig kichern.

Hausbesetzung und Vorführen der Polizei nennt ihr "Ausstellungen", nicht schlecht für den Anfang!

Nun fällt es mir wie Schuppen von den Augen: "Kulturtage" (= Mao heute), "Orchideensammlung" (= Dutschkes Tagebücher), "Unifilm" (Konspiration im Dunkeln), "Vortragsreihe" (alte Kämpfer berichten) und so weiter. Genau so wie Ho Chi Minh es verlangte: "Willst du Fische fangen, werde zum Fisch!"